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ed
3 Buch der Spruecheundnken
JOBSERVER
I. österr. behördl. konzessioniertes
Unternehmen für Zeitungs-Ausschnitte
WILN, I., WOLLZEILE 11
TELEPHON R-23-0-43
Ausschnitt aus Lehziger Neueste Nacrie““
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vom: 43. 0KT. 1u0.
Bemerkungen Von Arthur Schnitzler
2 Zu raten? — Nein: Die Gescheiteren zu sein.
Aus dem „Buch der Sprüche und Bedeliken
Wien) von Arthur Schnitzler, übes dessen—Abieren wir gestern
Zu helfen? — Nein: Euch loszukaufen.
berichteten.
Es gibt keine erotische Beziehung, in der von den Liebenden die
Sich einer begangenen Torheit völlig bewußt werben, das hebt sie
Wahrheit nicht immer gefühlt und nicht immer wieder jede Lüge
noch nicht auf; es kann unter Umständen sogar die größere Torheit
geglarbt würde.
bedeuten.
Du hast verstanden? Du hast verziehen? Du hast vergessen?
Es ist dem Menschen eingeboren, daß er in dem Unglück, das einen
Welch ein Mißverständnis! Du hast nur aufgehört zu lieben.
anderen betrifft, ein möglichst hohes Maß von Selbstverschuldung, im
eigenen aber nichts als Verhängnis zu finden trachtet.
Jede Liebesbeziehung hat drei Stadien, die unmerklich ineinander
überfließen: das erste, in dem man auch schweigend miteinander glück¬
lich ist; das zweite, in dem man sich schweigen. miteinander langweilt,
Dem wahrhaft liebenswürdigen Menschen gegenüber fühlen wir
und das dritte, in dem das Schweigen, gleichsam Gestalt geworden,
uns immer schuldlos, auch wenn wir ein Unrecht gegen ihn begangen
zwischen den Liebenden steht, wie ein boshafter Feind.
haben;
— dem Unliebenswürdigen gegenüber stets von Verantwortung
bedrückt, auch wenn uns an einer Unannehmlichkeit, die ihm begegnet,
Lebenskunst: Die besonderen Gesetze seines Wesens den all¬
nicht die allergeringste und ihn selbst vielleicht alle Schuld trifst.
gemeinen der Natur, des Staates und der Gesellschaft unterzuordnen
und sein ureigenes Selbst über ihnen allen zu behaupten wissen.
Warum uns doch die Gutmütigkeit unserer Nebenmenschen meist
als Dummheit und unsere eigene als Güte — die Güte der andern als
Kommt es euch denn darauf an, die Wahrheit zu erforschen? —
Schwäche und die unsere als ein Zeichen von Seelenadel erscheint?
Nein: Recht zu behalten.