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Buch der Sprneche und Bedenken
Neues Wiener Jonrnal
heuren Meugen vorhandeuer Stoff sei. Richts anderes als jeues,
Gas. ohne dessen gütige Mithilfe wir gar nicht leben können.
Nämlich Sauerstoff. Allerdings haben die Atome diese Elemente
infolge des in jener choatischen Welt herrschenden Uebertemperatur
eine Veränderung erfahren, die die Gelehrten lange Zeit irreführte.
Nun hut sich das Zauberelement des Alls als jüngster
Sauerstoff entpuppt. Die Wissenschaft ist um eine Erkenntnis reicher,
app.
die Welt um ein Wunder ärmer geworden.
Artur Schnitzlers Lebensweisheit.
Von
Richard Specht.
Man greist begierig nach dem schmalen, in biegsame Lein¬
wand gebundenen Buch, weil es den Namen unseres geliebtesten
Dichters trägt, beginnt zu lesen und hat nach ein paar Minuten
das Gefühl, als müsse man geblendet die Augen schließen — ein
solches Feuerwerk des Geistes prasselt einem entgegen, aber eines
das nicht ins Leere verpufft, sondern Flamme auf Flamme
entzündet, die hell und stetig leuchtet und deren Licht oft im
Bereich der Seele sprüht, vor deren Erforschung weniger mutige
Menschen als Artur Schnitzler verlegen zurückschenen.
Sein neues Buch ist weder ein erzählendes noch ein dra¬
matisches, wie all seine früheren. Der Denker, der jüngst schonL
in seinem Diagrammversach „Der Geist im Wort und der Geist
in der Tat“ ein imponierendes Dokament einer klar zusammen¬
fassenden, alles zum Weltbild ordnenden Kraft der Anschauung
en
gegeben hat, breitet in diesem glanzvollen „Buch der Sprüche und
Beden n“. Phaidon=Verlag. Wien, die Gedankenergebaisse eines
ganzen Lebens hin: oft in ganz knappen, aphoristischen, schlagend
formulierenden Sätzen, die nichts vom Wortspiel und der Wort¬
spielerei haben, mit deren jonglierender Koletterie derlei geschlissene
Aperaus gewöhnlich prunken; oft in kurzen, kaum jemals den
Umfang einer Seite überschreitenden Abschnitten, die einfach
NS
der
Endgültigkeiten bedeuten und die einen Inhalt,
andere zu einem weitläufigen Band verführt hätte,
zum Extrakt zusammenpreßt. Der große Ironiker, der Anur
Schnitzler von je war, ist in jedem Worte dieses überreichen Buches
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lebendig; brsonders aber am Schluß, wenn er sein eigenes Spruch¬
werk gewichtlos zu machen scheint und plötzlich mit hinterfistiger
Miene durch die Aeußerung zum Widerspruch herausfordert:
„Schüttle ein Aphorisma, so fällt eine Lüge heraus und eine
Banalität bleibt übrig. Es ist anzunehmen, daß der Dichter
diesen Satz. zum mindesten in der Anwendung auf ihn selbst.
nicht so ernst genommen zu wissen wünscht wie dessen Variante,
mit der er das Ganze ab chließt: „Im Herzen jedes Aphorismas,
ise 1# so neu oder gar paradox es sich gebärden möge, schlägt eine ur¬
alte Wahrheit.“ Es ist möglich, daß dieses Buch vom Anfang bis1“
zum Ende nichts als uralie Wahrheiten enthält; sicher aber, daß
sie neu erlebt, gesehen und gesagt sind und wahrscheinlich zum
erstenmal.
Eine Fülle ist in all dem, die verwirrend wirken könnte
ie 18 wäre nicht Artur Schnitzlers ordnender Geist gliedernd und auf.
—bauend auch hier am Werke Bekeantnis, transparent gewordene

Stunden, im entscheidenden Wort offenbart, Erlittenes und Er¬
schautes fügt sich zur Lebensanschaung und gleichzeitig zum Abbild
des Betrachtenden selbst, der hier, ohne derart Definitives zu wollen.
ja seiner Meinung nach nur beiläufig Entstandenes, zwanglet—
Tagebuchaitiges (und wohl eben deshalb so unentrinnbar anziehend)
traße
die Summe seiner Erfahrung gezogen hat. Ein Sondern in ein¬
zelne Abschnitte ermöglicht das Zusammenfassen des geistig Ver¬
wandten zu geschlossenen Komplexen, deren Aufeinanderfolge
Steigerung und Einheit zugleich erzielt, und der Mensch, der aus
jedem Satz spricht, tritt so stark und liebenswert in die Er¬L
scheinung, daß man diese Monologe und Interjektionen mit
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