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Taenz
2. Die griechische Sunzerin
275
Das Willen für Hlle
Jahrg. 1906
rücksichtigen, so daß er wirklich in einer Zwangslage ist,
langt. Maßgebend ist hier immer zuallererst die Geld¬
die ein mimosenhaftes Gemüt in die größte Verlegen¬
frage. Es ist aber eine Notwendigkeit, daß zuerst ein¬
heit bringt.
mal auch die Zahl der Schüler in einer Klasse bedeutend
Daß die Aerzte immer mehr sich für Erziehung und
herabgesetzt wird. Dreißig Schüler sei das Maximum.
Unterricht interessieren, ist ein großer Vorteil. Die
Ein anderer hinderlicher Schaden ist die Klassifizierung.
hygienischen Einrichtungen einer modernen Schule, Unter¬
Statt einer möglichst engen und nur auf die Haupt¬
suchung der Kinder 2c. 2c. lassen die Mitarbeit eines
sachen beschränkten Notenskala müssen heute in einer
Arztes zu einem Segen werden. Aber auch hier taucht
5. Klasse viermal 12 Noten“ für einen Schüler ge¬
wieder die leidige Geldfrage mit einem großen Halt
geben werden in einer Stufenreihe von 5 Noten, von
auf, die uns auf Schritt und Tritt im Schulleben ein¬
denen aber schon 4 (kaumgenügend) hinreichen kann,
engt.
um einem Schüler den Uebertritt in die Bürgerschule
Die Pädagogik wächst rasch zu einer umfassenden
zu erschweren oder ihn zum Wiederholen zwingen kann.
Wissenschaft an und die angebahnte Reform der Lehrer¬
Bei 50 Schülern hat also der Lehrer per Jahr 2400
bildungsanstalten wird zeigen, wie weit es möglich sein
Noten zu geben. Geprüft soll nicht werden, der
wird, bei den Einschränkungen, welche die sozialen Ver¬
Lehrer soll durch den Lauf des Unterrichtes den Schüler
hältnisse bedingen, diesen Anstalten eine derartige Aus¬
beurteilen, das ginge auch, wenn man bloß zu wählen
gestaltung zu geben, daß sie ihre Zöglinge wirklich mit
hätte zwischen sehr gut, gut, schlecht. Daß da eine
den Rüstzeugen versehen, die zu einem modernen Schul¬
wirklich gerechte Beurteilung in der Normalschule
und Erziehungsbetriebe nötig sind.
unmöglich ist, liegt auf der Hand. Dem Lehrer also
Das Volk aber kann hier durch seine Abgeordneten im
Vorwurf zu machen, wenn er im Notengeben gelegent¬
gesetzgebenden Hause selbst eingreifen, indem es die für
lich „danebenhaut“ ist, wie man sieht, ungerecht, weil
die Ausgestaltung nötigen Mittel bewilligt.
eine wirklich sorgfältige Prüfung sachlich unmöglich ist.
Freilich erinnert man sich da leicht eines Ausspruches
Denn selbst, wenn er sich gegen die Verordnungen zu
Flemmings im „Flachsmann als Erzieher“:
einer Detailprüfung entschließt, so kann er nur kurz
„Die Menschen haben ein famoses Sprichwort, das
prüfen und in dieser Prüfung sein Allgemeinur¬
heißt: „Des Herren Auge macht die Pferde fett“. Die
teil über den Schüler korrigieren. Er soll auch noch
Menschen verstehen sich immer besser auf den Pferde¬
die sozialen Verhältnisse, den Individualcharakter be¬
stall als auf die Kinderstube, denn Pferde sind Wert¬
* Ohne die Religionsnote.
objekte.“
* Nur in Sitten, Fleiß und Form umfaßt die Reihe 4 Grade.
kiterarische Rundschau.
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lleue Dichtungen.
Von Dr. Ernst bissauer, Dachau bei München.
Der Kritiker ist bei Zusammenstellungen solcher Art
Die Ueberproduktion und die Kritik. — Otto Brill,
naturgemäß geleitet durch den Zufall, der ihm dies und
„Tau und Blut“. Gedichte (Berlin, 1904, Modernes
jenes Buch ins Zimmer trägt. Einheitlichkeit innerhalb
Otto Glogan=Nickolsburg, „Lieder
Verlagsbureau).
der Aufzählungen wird angestrebt, Vollständigkeit kann
und Zähren“ (Berlin, 1904, Verlag Nec tini). — Adolf
nicht erreicht werden. Billige Bücher werden, der Zahl
Grabowsky, „Das Zeugende“ Gedichte. (Berlin, Ver¬
nach, bevorzugt, Lyrik wird mehr, als es sonst üblich ist,
lag der Barke, 1905).— Hugo Salus, „Neue Garben“.
berücksichtigt werden.
Georg Busse¬
(München, Langen, 1904, M. 2“
Die lyrischen Bücher, die sich heute eingestellt haben,
Palma, „Brückenlieder“ (München, Langen, 1904,
vermögen zum Teil den geringsten Ansprüchen nicht zu
M. 2•—). — Georg Busse=Palma, „Das große Glück“.
genügen. Keines aber entspricht den höchsten Anforderungen,
Hugo v. Hofmannsthal, „Das Märchen der 672.
die an Talent und Sorgfalt gestellt werden müssen.
Arthur Schnitzler, „Die griechische Tänzerin“.
Nacht“.
Es ist notwendig, hohe, höchste Forderungen auszu¬
Felix Salten, „Der Schrei der Liebe“ — Felix
sprechen, und es wäre zu wünschen, daß Autoren und
Otto Erich Hart¬
Dörmann, „Alle guten Dinge“.
Verleger vor der Drucklegung mit strengster Kritik das
leben, „Das Ehefest“. (Diese sechs Bücher aus der
neue Werk betrachten. Dann bliebe dem Kritiker die
Bibliothek moderner deutscher Autoren, Wien, Wiener
lästige Pflicht des häufigen Verneinens erspart, und die
—). Hartleben, „Tagebuch“, herausg.
Verlag, à M. 1
überschwemmende Menge der meist überflüssigen Bücher
von F. Heitmüller (München, Langen, 1905, M. 5•—).
würde verringert. In einer Zeit, da die Maße der Kritik
Hermann Bahr, „Die Andere“ (Berlin, S. Fischer,
verloren wurden und nur an wenigen Stellen letzte
Carl Hauptmann, „Einfältige“ (aus
1905, M. 2—
strengste Forderungen gestellt werden, da tausend Mittel¬
der Bibliothek moderner deutscher Autoren, Wien, Wiener
gut gepriesen und hunderttausend Mittelmäßigkeit nicht
Eduard v. Keyserling, „Schwüle
Verlag M. 1
zertreten wird, zu dieser Zeit ist es mehr denn jemals
Tage", Novellen. (Berlin, Fischer. 1905, M. 2•—
geboten, auf das sorglichste zu wägen, zu sichten und
Es ist beabsichtigt, von jetzt ab, in wechselnden Ab¬
aber zu sichten, das Lässige aufzurufen, das Gute zu
ständen, ohne Zwang, über neue lyrische, epische, dra¬
matische Bücher Bericht, Urteil und Uebersicht zu bieten, nennen und das Beste auszuläuten.