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OIfpr.
Magazin für Litteratur, Zweites Dezemberheft 1905
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der Künstler, der selbst um eine persönliche Form
flexionen oder gar Voraussagungen gemischt, son¬
ringt, kann das mitwissen und kann es ganz ver¬
dern das Erleben, wie es der Tag bringt.
stehen, wie sich in der Stadt mit lichten Türmen
Es ist das Leben des Nicht=Allwissenden, des
eine Persönlichkeit ihre persönliche Kunstform ge¬
nicht über seiner Gegenwart Stehenden — das
schaffen hat.
Leben des Menschen.
Daß in unserer Zeit, die ein Buch um so
Diese Form, die ernsteste und strengste des
lieber liest, als es leicht und amüsant ist, diese
Romans, durchzuführen (ich erinnere an Pan von
Kunst, die sogar darauf verzichtet, dem Leser
Knut Hamsun, wo Hamsuns Persönlichkeit das
einen unterhaltenden Stoff oder eine wertgeschätzte
Problem löste), ist etwas schwerer, als die Fi¬
Zeitfrage zu bieten, wenig Verstehende finden
guren auf ein Schachbrett zu stellen und als In¬
kann, ist sicher. Um so weniger denke ich, es sei
telligenz darüber zu walten. Dieses Schritt für
nicht nötig gewesen, auf Toni Schwabes neuen
Schritt Miterleben einer Entwickelung sowohl als
Roman hinzuweisen.
eines Schicksals erfordert eine Kraft, die etwas
Denn vom Guten zu schweigen, ist eine
stärker sein muß, als die des Chronisten und Dra¬
Schmeichelei für das Geringe.
matikers.
Aber noch einmal, ich empfehle die Stadt
Diese Form durchzuführen, bis ein Kunstwerk,
mit lichten Türmen niemandes Wohlwollen.
das in seiner Art ohne Tadel ist, daraus wird,
An ein Kunstwerk herantreten zu dürfen, setzt
verlangt einen anderen Intelligenzaufwand, als
eine ehrfürchtige Seele voraus.
die Historien von zehn Familien zu fixieren. Nur
EU
Schnitzlers Lebenskunst
Artbur
Von A. Halbert=Cbarlottenburg
Auch nicht die Zukunft erforschen wollen: Es
Kampf ist Leben und Leben ist Kampf. Und
kommt ja doch, wie es kommen soll — kommen
„doch ist Leben des Lebens höchstes Gut.“
muß.
Dielleicht eben darum, meint der Lebensbejaher
Wer bedingt dieses „Muß?¬
Arthur Schnitzler.
Im! Das heißt zu Deutsch: grübeln; weg
Wollen, Wünschen, Werden, Kraft, Wille,
damit! Freuet euch des Lebens ... fühlt,
und unser
Sehnsucht füllen unsere Seele aus
empfindet, lachet, lebet, nur seufzet nicht: Es hilft
Teben.
ja doch nicht ...
Drum das Leben nehmen, wo man es findet,
Ob deine Frau dir treu ist oder nur Treue
und wie es einem in den Weg kommt. Das
heuchelt? Frage nicht so, du Allerweltstor! Liebe
Leben lieben, lehrt uns Schnitzler in allen seinen
hat mit Treue nichts zu schaffen. Küsse dein Weib
Werken — trotz allem Lug und Trug, der es be¬
und werde glücklich. Umarme sie und lebe. Ob
herrscht.
sie hinter deinem Rücken einem gelockten Jüng¬
Wissen, daß die Alenschen nicht immer wahr
ling das Haar streichelt — du bist wohl nicht recht
sind — wissen, daß wir selber nicht allzu wahr sind
gescheit! Warum soll, warum darf sie es nicht
nicht allzu peinlich die Lüge meiden — ahnen, daß
tun, wenn sie dir Genüge leistet ... Es gibt
wir betrogen werden und doch leben, die Augen
„weite“ Herzen ... Du bist vielleicht einer von
und die Berzen offen halten — das Leben und die
denen ... Sei vernünftig — und dein Weib
Kraft und die Liebe einströmen lassen in vollen
ist „die Frau des Weisen.“
Zügen, alles wie es ist, nicht wie es sein soll.
Und du Weib, wenn du deinen „Schleier“
Das ist der Weisheit erster Grund; das ist der
vergißt, wenn du tief fühlst und empfindest und
Weisheit letzter Schluß.
vor deinem Tier=Weib=Instinkt keine Ruhe hast
Das Leben bejahen und glücklich sein — so
du bist tragisch — „Beatrice“!
lange man kann; die Enttäuschungen kommen noch
Doch — das Leben darf nicht leer sein!
immer früh genug.
„Leutnant Gustel“ findet sonst keinen Anhalts¬
Nicht weich sein — nur weise — immer weise.
punkt, warum er weiter leben soll. Man muß
Nicht träumen, nicht in Erinnerung versinken, nicht
„ein Kerl“ sein, um weiter zu leben.
nach rückwärts schauen — immer vorwärts, nur
Es erfüllen mit Arbeit und Liebe.
geradeaus.