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A. H. F. Im Verein für Kunst und Wissenschaft sprach
am Mittwoch Frl. Clara Schcioler übe: Artour Schnitzler.
Die Vortragende unterrog die Eigenart des jung=osterr. Dichters an
der Hand seiner Theaternücke einer eingehenden Beurtheilung. Sie
vertrat die Ansicht, daß die Schnitzleriche Muse für die Norddeutschen
aus dem Grunde vielleicht nicht ganz verständlich sein mag, weil
ihnen das volle Verständniß des Wiener Milieus fehlt, in dem sich
die Schnitzlerschen Helden und auch die Heldinnen bewegen. „Wer
den Dichter will verstehen, muß in Dichters Lande geben“ trifft hier
in hovem Maße zu. Frl. Schreider ergänzte ihren anziehenden Vor¬
trag durch einige Rezitationen aus „Anatol“ und einigen ihr vom
Verfasser übersandter bisher ungedruckter Ged.chte, die Schnitzler in
seiner, weiten Kreisen bisher unb.kannten Eigenart als Lyziker
zeigte.
wurde geräumt.
W. Jetauas.
22 Die Bühnen.
Die Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft,
die unter Leitung von Philipp Spandow steht, veranstaltete
am gestrigen Abend ihren letzten Vortragsabend dieser Saison.
Adele Schreiber, eine junge Wiener Schriftstellerin, sprach
über Arthur Schnitzler. Die Vortragende ging in liebe¬
vollster Weise auf Schnitzler's Eigenart, auf das „specisisch
Wienerische“ ein. Sie gab zuerst einen kurzen Ueberblick über
Schnitzler's Dramen, deren Inhalt sie kurz skizzirte und verrieth
uns dabei, daß wir im nächsten Winter ein neues Versdrama
des Dichters erwarten dürften. Sodann las sie eine Szene aus
„Anatol“ vor und zum Schluß drei ungedruckte Gedichte, die
uns bewiesen, daß man feinsinnig lyrisch empfinden kann, ohne
gerade ein Meister der Verskunst zu sein. Der Vortrag, der ein
übersichtliches, abgerundetes Bild bot, zeugte von fleißiger, ver¬
ständnißvoller Arbeit.
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Wer Nunelu.-Ko.
Kunst und Wissenschaft.
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(n.) Einer Einladung des Vereins für Kunst und Wissen¬
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3% schaft Folge leistend, hielt gestern Fel. Adele Schreiber im
Saale des Architektenhauses einen Vortrag über den
Wiener Dramatiker Arthur Schnitzler. Schnitzler ist in
diesem Jahre mit keinem neuen Werke hervorgetreten, aber die
erfolgreiche Wiederaufnahme des „Grünen Kakadus“ im
Deutschen Theater und die von Agnes Sorma in das Pro¬
gramm ihres Gastspiels im Lessing=Theater ausgenommene
„Liebelei“ bringen den begabten Autor dem Berliner Publikum
eben jetzt wieder in Erinnerung. Der Vortrag des Frl. Schreiberhatte
aber noch andere Vorzügeneben dem, zeitgemäß zu sein. Die junge
Schriftstellerin, welche vor einem zahlreichen Publikum sprach,
wußte durch eine glückliche Zusammenstellung von charakteri¬
sirenden Ausführungen und Proben des Schnitzlerschen Ta¬
lentes die Eigenart des Wiener Autors vorzüglich zu beleuchten
und im Rahmen einer kaum einstündigen Plauderei ein Ge¬
sammtbild seines bisherigen Schaffens zu entrollen. Schnitzler
gehört zu den Bühnenschriftstellern, in deren Leben Glück
In
und Mißerfolg sich eigenthämlich durchflechten.
Verhältnissen aufgewachsen, die ihm den Zutritt zur
Bühne von vornherein zu erleichtern schienen, mußte
Schnitzler, trotz seiner unstreitigen Befähigung, eine lange
Warte= und Dulderzeit durchmachen. In den Jahren, da
Hauptmann und Fulda bereits laute Triumphe auf der Bühne
feierten, konnte Schnitzler sich glücklich schätzen, daß Dr. Paul
Goldmann, damals Herausgeber der literarischen Zeitschrift
„An der schönen blauen Donau“ seine ersten „Anatol=Szenen“
und „Alkandts Lied“ veröffentlichte. Das erste Stück,
welches Schnitzler zur Aufführung brachte, „Das Märchen“.
fiel durch. Erst die „Liebelei“ machte seinen Namen
überall bekannt. „Freiwild“ und „Das Vermächtniß" bewegten
sich dann auf einer etwas absteigenden Linie des Erfolges
die auch die letzten drei Einakter Schnitzlers nicht ganz auf
die frühere Höhe zu heben vermochten. Das letzte, noch un¬
aufgeführte Werk Schnitzlers ist ein Versdrama „Beatrice“.
Mit feinem Verständnisse hob es Frl. Schreiber hervor,
wie Schnitzler fast in allen seinen Werken einen und denselben
Helden feiert: den leichtsinnigen Melancholiker, den geistreichen
Salonmann, blasirt und doch stets auf der Suche nach neuen
Abenteuern; wie sich alle seine Schöpfungen um ein
und dasselbe Thema drehen: Liebe oder eigentlich
dank seiner echten
Liebelei; und wie Schnitzler,
Künstlernatur, als Virtuos auf einer Saite dennoch
eine überraschende Fülle von Melodieen hervorzuzaubern
wisse. Eine gute Illustration der Schnitzlerschen Schaffensart
gab die Dialogszene „Der Weihnachtsabend“, welche Fräulein
Schreiber vortrug. Sie schildert in spannendem Gespräch den
typischen Helden Schnitzlers, der zwischen der Weltdame und
dem „süßen Mädel“ hin= und herschwankt. Zum Schlusse
lernten wir, dank Fräulein Schreiber, eine neue Seite des
Schnitzlerschen Talentes kennen: Anatol als Lyriker. Die
drei ungedruckten Gedichte Schnitzlers, welche Fräulein
Schreiber zum Vortrag brachte, zeichnen sich durch Form¬
vollendung und ungewöhnlichen Wohlklang der Sprache aus.
Inhaltlich gemahnen sie durch ihre ungenirte sinnliche Erotik
an Gabriel d'Annunzio. Fräulein Schreiber erntete für ihren
schönen Vortrag reichlichen Beifall.