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Pamph Offprints
Separalabdruck aus der „Wiener Medizinischen Wochenschrift“
(Nr. 1 u. fl., 1908).
Verlag von Moritz Perles, k. und k. Hofbuchhandlung. Seilergasse 4, Wien.
(Nachdruck nur mit Genehmigung der Verlagsbuchhandlung gestattet.)
Der Arzt in der schönen Literatur.
Von Dr. ADOLF KRONFELD, Wien.
Der am meisten gelesene und aufgeführte Schriftsteller des
Jahres war ein Arzt, Dr. Doyle, dessen Detektivromane und
-Dramen den Erdball im Sturme erobert haben. Leider ist der
Kunstwert der „Sherlock Holmes“-Serien nicht hoch anzuselzen.
Poë ist der Dichter, der Klassiker der Kriminalnovelle — Doyle
und seine greße Schule geben ihren Helden bloß die Alluren von
Zauberküns'lern, von Preslidigitateuren. Poé läßt uns in die Ab¬
gründe der Menschenseele blicken, Doyle beweist uns bis zum
Uberdrusse an beweglichen Puppen, daß Sehnelligkeit keine Zauberei
sei. Alfred Lichtenstein hat jüngst die Grenzen der Doyle¬
schen Mache sehr richlig gezeichnet !). Hier sei angemerkt, daß
Dr. Ferdinand Probst eine sehr hübsche Poë-Biographie ver¬
faßt hat?).
Hugo Salus, unser sehr geschätzter Milarbeiler, den wir
auch am Vorlesetische in Wien begrüßen durften, hat das gebil¬
dete deutsche Publikum mit einer neuen Sammlung beschenkt 5).
In grandiosen Hymnen, in ernslgestimmten Oden erklingen große
Gedanken, werden starke Emipfindungen wach. Der Dichter eintet
die rei chen Früchte des Spätsommers, welcher wie von ungefähr
in den farbenreichen, noch von heißer Sonne gesegneten Herbst
sich verwandelt.
-Das sind jetzt köstliche Vorherbsttage,
Daß mir mein Herz last Sorgen macht!
Es gehit gar nicht mehr im richtigen Schlage,
Es hüpft nur und springt in der Brust und lacht!
Ieh bin ganz frunken vom Most meines Blutes
End sehe nur Farben und Glanz und Licht.
End die Welt liegt da wie was Einfaches, Gutes,
Wie ein ollenes Mädchenangesicht.
Lichtenstern: Der Kriminalroman. München, Reinhardl. 1908.
Probst: Poé. München. Reinhardt, 1908.
Salus: Die Blumenschale. München, Langen.
1908. Nr. 21/23.