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Dramatische Rundschau
G SS Von Dr. Friedrich Düsel ##c
„Was ihr wollt“ im Deutschen Theater. „Diel Lärm vm nichts“
im Königlichen Schauspielhause zu Berlin „Der letzte Kunke“
von Blumenthal u. Radelburg — „Die große Gemeinde“ von
Lothar u. Lipschütz — Von der Psychologie unseres Theaterpubli¬
kums — Militärstücke — „Vom anderen User“ von Jeli: Salten —
S lo6
Zwei Toten zum Gedächtnis: Karl Häußer und Georg Engels
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MuMMlluechSeuun
Iie dramatische Unfruchtbarkeit der zunächst den innersten Kern, das geistige Erdreich
Zeit hat auch ihre versöhnlichen und die poetische Atmosphäre der Dichtung auf¬
1 Seiten. Zumal die eine Tatsache, zuspüren sucht, um ihr erst von hier aus und
[1 daß die Klassiker jetzt wieder einen in stetem Einklang mit diesen beiden Wesentlich¬
so breiten Raum auf unseren keiten etwa neue Belebungs= und Verjüngungs¬
Bühnen einnehmen dürfen, wollen mittel zu finden. Die Seele dieses „Was ihr
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wir ihr ins Verdienstbuch schrei= wollt“ dessen dichterische Werte wir im übrigen
Aben. Denn seien wir ehrlich: nicht unterschätzen wollen, ist seine pflanzenhaft
Würden unsere Direktoren halb so viel Lust und
naive Heiterkeit und Sorglosigkeit, offenbart ein¬
Zeit finden, ihre Shakespere, Schiller, Kleist, Grill¬
mal in dem lyrisch=musikalischen Element, das
parzer und Hebbel zu pflegen, wenn der Ansturm
bei Reinhardt mit den Fäden Humperdiuck¬
unserer Gegenwartsdramatit nur um die Hälfte scher Musit = sein seines Gespinst durch die
stärker wäre? Die Pietät ist so oft eine Tochter ganzen fünf Akte webt, zum anderen in der
der Not — am häufigsten auf der Bühne. Tiese saftig sinnlichen Fastnachtslustigkeit, von der na¬
mageren Jahre müßten nun, sollte man denken, mentlich die Szenen zwischen Sir Toby Rülps
eine ausgesucht sette Weide für unsere Hofthea= und Junker Christoph von Bleichenwang, dem
#ter werden, die ja fast alle über reiche Ausstat= Narren, Fabian und Mary überquellen. Er¬
tungs= und Darstellungsmittel versügen und sich kannt und gepflegt waren beide Elemente, recht
einer alten, festgegründeten Tradition erfreuen. zur Entsaltung gebracht freilich nur das der sich
Aber bei Lichte besehen, hat die Sache doch ihren austobenden Fastnachtskomit. Hans Wa߬
Haken. Auch die Klassiker bleiben nicht ewig die mann als flachshaariger, schläfrig=melancholischer
alten, auch für sie gilt es, aus dem Geiste jeder Bleichenwang neben Wilhelm Diegelmanns
neuen Zeit heraus gleichsam einen neuen Stil breitbeinig plumper Saufansbehaglichkeit (Rülps),
zu finden, sollen sie als Brüder unserer Tage zu dazu noch Hedwig Wangels urgesundes, ker¬
uns sprechen. Selbst Shakespere, ihr Größter, ist niges Lachen — das wirft auch den griesgrä¬
von diesem Gesetz nicht entbunden. In ihm so migsten Hypochonder schließlich auf die lachende
gut wie in jedem anderen ist das Wandelbare, Seite. Dieses Trio stellte selbst den Malvolio
das Wandelfähige das Ewige. Ein toter Stein, (Rudolf Schildkraut) in den Schatten, der sonst
aus dem jede neue Zeit nicht neue Funken zu doch in „Was ihr wollt“ den Ausschlag zu
schlagen vermag! Und wo die Reg'e und Schau geben pflegt. — Ein übel angebrachter Sport
spielkunst dieses Stirb und Werde nicht hat, ist war es, der genauen Szenenfolge des Originals
sie jedem Klassizismus nur ein halber Diener.
zuliebe das Prinzip der offenen Verwandlung auf
Das ist es ja, worin Reinhardts eigentliches
die Drehbüne zu übertragen und die leeren
Verdienst besteht, und weshalb wir ihm immer
Bühnenausschnitte, die dabei am Auge des Zu¬
wieder, trotz mancher Gesuchtheiten und gelegent¬
schauers vorüberwandeln, mit Intermezzi der
licher Versündigungen gegen Natur und Schlicht¬
heiteren Handlung (Malvolio bei der Toilette,
heit, den Kranz der Regiekunst zuerkennen müs¬
die Junter beim Punschbrauen usw.) zu füllen.
sen. Seine neueste Shatespereaufführung, die des Das zwingt das Auge zu Intimitäten mit den
Lustspiels „Was ihr wollt“ im Deutschen Eingeweiden eines verwickelten Mechanismus, die
Theater war keineswes hervorragend, aber auch auf die Dauer peinlich wirken, zumal wenn die
sie ließ doch wieder erkennen, wie sorgsam man gesuchten Übergänge manchmal widerwillig stocken.