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Pamphlets, offprints
Wiener Literatur.
Von Max Burckhard.
Herr Hugo Heller hat mir den Wunsch ausgesprochen, ich möchte ihm als Ein¬
leitung für seinen heurigen Weihnachtskatalog einen Aufsatz über „Wiener
Literatur“ schreiben.
Gibt es eine Wiener Literatur, das heißt etwas, das man nach inneren Zu¬
sammenhängen so nennen darf? Was ist Wiener Literatur? Wer ist ein Wiener
Literat! Der in Wien geboren ist, aus der Mischung hervorgegangen ist, die dem
Wienertum ethnologisch sein Gepräge gibt, oder der, der dort gewirkt hat, auf dessen
Entwicklung und dessen Schöpfungen Wiener Sitte, Wiener Gesellschaft, Wiener
Luft Einfluß geübt haben, sei es nun anregend oder erschlaffend? Und wo sind die
Grenzen, bei denen für das Lesepublikum, das der Buchhändler im Auge haben muß,
die „Literatur“ beginnt und — endigt? Und ist mein Wissen denn nicht viel zu
lückenhaft, die mir zur Verfügung stehende Zeit nicht viel zu kurz, als daß ich
mich an eine derartige Darstellung, sei sie noch so skizzenhaft, wagen dürfte! Und
ist der der sie versucht, nicht von vorneherein ein Narr, weil er, je mehr Namen
und Bücher er nennen wird, um so mehr Haß und Feindschaft erwarten darf bei
denen — die er nicht genannt hat! Nicht genannt, weil ihm ihre Werke nicht ge¬
fallen, nicht genannt, weil er sie nicht kennt, nicht genannt, weil er sie in der Eile
vergessen hat, nicht genannt, weil er nicht weiß oder nicht daran gedacht hat, daß
sie Anspruch haben, zu der Wiener Literatur gerechnet zu werden, nicht genannt,
weil er nicht genug Platz gehabt hat und weil, wer in einem solchen Falle zu viel
nennt, gar nichts nennt?
Von allen diesen Fragen ist vielleicht die letzte, die nach der Narrheit, am
raschesten und einfachsten zu beantworten. Und trotzdem habe ich Herrn Hugo
Heller auf seine Frage das geantwortet, was ich mir auf diese letzte meiner
Fragen zur Antwort geben mußte: Ja.
Ich habe aber einen Grund dafür, einen ganz persönlichen Grund. Oft schon
habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie wenig Aufmerksamkeit eigentlich der
Wiener Buchhandel der heimischen Literatur schenkt, und wie kahl und dürftig
die Anempfehlung des heimischen Autors dort ausfällt, wo den Angaben der Bücher¬
titel etwas wie eine zum Ankauf animierende Notiz beigefügt wird, wie schüchtern
und bescheiden, wenn man sie mit den lauten, posaunenartigen Tönen vergleicht,
die sonst gelegentlich erschallen. Und da tritt nun ein Wiener Buchhändler an mich
mit dem Wunsche heran, ich möge ihm einen Artikel über Wiener Literatur für
einen Verkaufskatalog schreiben — und ich soll „nein“ sagen? Nein, das kann
ich nicht.
Nicht den heimischen Buchhandel habe ich also mit dem anklagen
wollen, was ich eben gesagt habe, sondern nur mich entschuldigen. Ent¬
schuldigen, daß ich die Gelegenheit benütze, die sich mir bietet, für die Wiener
Literatur das Wort zu ergreifen. Österreich ist ja ein armes Land. Wien eine arme
Stadt, wenn wir Österreich und Wien wirtschaftlich mit Deutschland und Berlin
vergleichen. Und der österreichische, der Wiener Buchhandel, was ist er, verglichen
mit den gewaltigen Betrieben, den großen Verlagsanstalten, Druckereien, Sorti¬
menten, Antiquariaten im Deutschen Reiche? Der österreichische Buchhandel
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