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1. Panphlets, offprints
zum Weibe lenken, die tiefgehende Einwirkung des Inzest¬
wunsches. In unseren Träumen kehrt er verhüllt wieder
und wird für den Neurotiker zum Kernkomplex, der sein
Scheitern im Leben bedingt. Otto Rank hat in seinem
kürzlich erschienenen Buche“)) geschildert, wie diese Phan¬
tasie stärkste Impulse für das dichterische Schaffen aller
Dichter liefert. Wir werden auch in jener so reizvollen
Mischung von Mütterlichkeit und Mädchenhaftigkeit
Schnitzlerischer Frauen die unbewußte Fortwirkung kind¬
licher Phantasien dieser Art erkennen müssen. Einen
schönen Beweis gibt dafür eine Szene des nWeg ins Freieg,
welche Georgs Rückkehr zu Anna knapp vor ihrem Mutter¬
werden schildert: -Und plötzlich kniete er vor ihr auf den
Kies, ihre Hände in den seinen, sein Haupt in ihren Schoß,
fühlte, wie sie ihm die Hände leicht entzog, sie auf sein
Haupt legte — und dann hörte er sich ganz leise weinen,
und es war ihm, wie in süß dumpfem Traum, als läge
er, ein Knabe, zu seiner Mutter Füßen und dieser
Augenblick wäre schen Erinnerung, fern und
schmerzlich, während er ihn durchlebte.e
In Arthur Schnitzlers Werken kündet sich ein neues
Pathos an: er sieht das Leben nicht metaphysisch, nicht
sub specie aeternitatis; sondern unter dem Gesichtspunkte
der Sterblichkeit. Das Grundgefühl ist der Fatalismus
eines Lebensbejahers. Das einzig ernste Schicksal, das
Irdische erwartet, ist der Tod. Die Todesnähe treibt ins
Leben zurück. Dieses menschliche Einsamkeitsgefühl (vor
dem Hinübergehen) treibt zur Zweisamkeit; treibt die
Menschen zu Paaren. Treibt sie dem Taumel zu, dem
schmerzlichsten Genuß. Ein gieriges Erleben aller Schön¬
heit dieses Lebens, das bestimmt der Güter höchstes ist:
vor dem Ende, das uns gewiß ist. Unser Reich ist von
dieser Welt. Aus dem „Medardusg nimmt man das Bild
eines holden Liebespaares mit; wie diese Zwanzigjährigen
*) „Das Inzestmotiv in Sage und Dichtung.e Wien, Fr. Deuticke.
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an den Händen sich halten und dahinwandeln, im Früh¬
ling — den Weg ins dunkle Reich hinab.
Die stärksten, nachklingendsten Worte sind dem Me¬
dardus, diesem reinen, wirren Toren in den Mund gelegt.
Als die enstellte Leiche seiner Schwester aus dem Wasser
gezogen wird, schluchzt er, dem Ehre vor einer Stunde
das höchste Gebot schien, hervor: „Warum bist du nicht
lieber in die Welt hinaus mit ihm, Schwester? .. Schande
— erloschnes Wort! Deine Asche weht in alle Winde
vor diesem Anblicke ... Und hätt’ ich dich in einem
schlechten Haus gefunden mit geschminktem Gesicht, als
feile Dirne,wär’s nicht Seligkeit gewesen gegen jenes Bild,
das nun Wahrheit wurde?e
Eine Schwindsüchtige erlebt in einem Schauspiele
Schnitzlers gierig alles Menschenglück — ehe die Sonne
versinkt. Ein Mädchen vergiftet den totkranken, sie mar¬
ternden Vater, um die letzte Nacht vor dem Tode des
Geliebten ihm zu gehören. Gut und Böse schwinden selt¬
sam angesichts des Todes. Die Worte verlieren ihren
Sinn. Als diese Mörderin den Arzt gut nennt, spricht er
(am Ausgang des Dramas):
„Gut . ich? Ja. So wie Sie eine Sünderin sind.
Und wie diese Entschwundene eine Sünderin war ..
Worte! Ihnen scheint die Sonne und mir und denen.
Der da nicht mehr. Ich weiß nichts anderes auf Erden,
das gewiß wäre.g
Aus solchen Worten, heraufgeholt aus dem tiefsten
Grunde, aus solchen Stimmungen zwischen Todesschauern
und Daseinswonnen, klingt hell und tief, über alle kon¬
ventionellen und moralischen Beschränktheiten hinweg,
reinigend, einigend der Ruf des Lebens.
„Es bestimmt beinahe die Rangordnung, wie tief Menschen zu
leiden vermögen.
Nietzsche.
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