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2. Cuttings
Furgenstrass.
Flliale in Budapest: „Figyelö¬
Vertretungen in Berlin, Chicago, London, Newyork, Paris, Stockholm
Ausschnitt aus:
vom 44
Vortrag Hermann Hahr.
Der Teplitz=Schönauer Leeseclub, dem wir
bereits die Bekanntschaft mit zahlreichen Geistes¬
heroen verdanken, gab uns am letzten Sonntag
Gelegenheit, das Haupt der Wiener Schriftsteller¬
Vereinigung „Jung Oesterreich“, Herrn Hermann
Bahr, am Vortragstische kennen zu lernen. Der
fürstlich Cinry'sche Gartensaal vereinigte ein zwar
kleines, aber auserlesenes Publicum, das dem
bekannten Schriftst ller bei seinem Elscheinen den
schmeichelhaftesten Enpfang bereitele. — Hermann
Bahr ist eine ebenso elegant als auch interessante
Erscheinung. Er ist im Jahre 1863 in Linz
geboren, steht somit im 36. Lebensjahre. Seine
hohe Gestalt, sein männlich schöns, von einem
schwarzen Vollbarte umrahmtes ausdruckvolles
Antlitz, nehmen im ersten Angenblicke für ihn
ein. Sein sonores, volles Organ, seine scharfe
Aussprache, erhöhen den Genuß seiner geistvollen
Vorträge. Ec spricht frei, ohne sich an irgend
welche Notizen oder Aufschreibungen zu halten.
Seine Aussprache verräth leise Anklänge an den
Wiener Dialect. Es ist aber nicht jener Dialect,
wie er im Prater beim „Calasatti“ gesprochen wird,
sondern jener leichte, im Wiener Salon übliche Pitois,
der besonders, wenn er von schönen Frauenlippen
kommt, so unendlich weich und anheimelnd klingt.
Hermann Bahr trägt nicht vor, er plaudert.
Genau so, wie er #s etwi im „Casé Giattauer“.
(Griensteidl's Nachfolger) mit seinen Freunden
thut. Er kommt nie in Erregung, er gestikulirt nicht,
er brüllt nicht, er flüstert nicht, er plaudert
nur, und das ist es, was die Vortäge Hermann
Bahris selbst in Wien stets zu den besuchtesten
macht. Hermann Bahr hat ebensoviel Freunde
wie Feinde, daß er sich trotz dieses Umstandes
doch eine so angeschine Stellung in der öster¬
reichischen Literatur nicht nur zu erringen, sondern
auch bis heute zu erhalten wußte, erhöht die Be¬
deutung seiner Person. Am letzten Sonntag
besprach er nun die Geschichte der Schriftsteller¬
einigung „Junz=Oesterreich“, die gewissermaßen
auch seine eigene Geschichte ist, da er ja als
geistiges Haupt dieser Vereinigung gilt und alle
Phasen der Eitwicklung derselben selbst mit¬
gemacht hat. Er leitete seinen Vortrag mit zwei
selbsterlebten Anecdoten ein, welche als Basis und
Programm far die jung=österreichische Schrift¬
stellerwelt zu gelten haben. Die erste Anecdote
spielt in Salzburg, wa Bahr das Obergy unasium
besuchte. Sein Geschichtsprofessoc, der heute einen
hohen Rang in der Gelehrtenwelt einnimmt, ist
der Held verselben. Derselbe liebte es, in seinen
Vorttägen von seinem Thema so weit abzu¬
sch reisen, daß er schtießlich nicht mehr wußte,
über was er anfangs sprechen wollte. Bui diesen
Rbschweisungen kam er aber regelmäßig auf die
Interpretation des Wortes Genie zurück. Ein
Genie ist derjenige — behauptete er — der das
G fühl für das Nothwendige hat. Goethe wäre zum
Beispiel, würde er in der heutigen Zeit leben,
ganz gewiß kein Dichter, weil eben heute das Dichten
schwärmte nur, da fühlte sie, daß das Schwärmen
ullein für den Abend nicht ausreiche, weshalb sie
einige Verse von Heine declamirte, um sich hie¬
rauf wieder ein wenig zu schämen. Nachdem nun
Bahr einige Zeit geschwärmt und seine Beglei¬
terin sich längere Zeit geschämt hatte, erinnerte
sie sich wieder der vorher declamirten Verse von
Heine und seufzte wehmüthig. „Ach wie schön
konnte doch Heine dichten, schade, duß das Dichten
heute ganz aus der Mode gekommen ist!“ —
Dieses hübsche Mädchen, betonte Bahr, habe un¬
bewußt das Programm von „Jung Oesterreich“
ausgesprochen. Das Dichten sei aus der Mode
gekommen: Die junge geistige Welt fühlte dies, sie
hatte unbewußt den Drang in sich, daß etwas ge¬
schehen müsse, um den Transport der seichten fran¬
zösischen decolletirten Muse nach Wien unmöglich zu
machen. Die heimische Production müsse auf¬
blühen, um das fremdländische Zeug, das dem
Wiener Volkscharakter so fremd sei zu verdrängen.
Eine kleine auserlesene Schaar heimischer lite¬
raturbegeisterter Seelen eilte daher in den 80er
Jahren in das da nalige Café Griensteidl, tranken
diverse Schwarze, Cognac und Weine und riefen
dazwischen energisch: „Es muß etwas geschehen.“
„Das war die erste agitatorische That von
„Jung Oesterreich“
—“ ruft Bahr unter allge¬
meiner Heiterkeit aus. Doch allmählich kühlten
ich die erhitzten Gemüther der Cognac verschlin¬
genden Literaturheroen ab und der Kreis der¬
elben wurde kleiner. Dieser kleine Kreis aber
blieb seinen Principien treu und versammelte sich
wieder bei Arthur Schnitzler und die Mitglieder
desselben zeigten zunächst ihre Kunst, „andeis zu
sein als die Anderen, in der Prägung selten
oder noch nie angew ndeter Adjective und ihrer
Verbindung mit Substantiven, kurzum in Alußer¬
lichkeiten, die anfangs als etwas Neues stutzig
machten, aber nicht lange über den wirklichen
Werth solcher Literaturproducte täuschen konnten.
Ja, wo sollte man also eigentlich ansetzen, um
eine neue Literatur poche schaffen zu helfen? Man
zählte die wirklich großen Dichter auf dem ganzen
Continent zusammen und wie viele waren es?
Zwei höchstens drei. Mit Unrecht warf man den
Wiener Poeten vor, daß sie Gerhart Hauptmann
beneideten; im Gegentheil, man bewunderte ihn
und spürte nur dem Geheimnis nach, welches ihn
groß gemacht. Endlich hatte man's gefunden:
er schilderte, was er genau kannte, was er täg¬
lich um sich sah, seine engere Heimath, die schle¬
ischen Menschen, er ließ sie in ihrer Sprache
reden, er heobachtete ihr Thun und Lassen, ver¬
pklanzte alles auf die Bühne und schuf sich so
seinen bedeutenden Namen. Dis wollte man in
Wien auch einmal versuchen. Das hatten bisher
weder Grillparzer noch Anzengruber versucht.
Und doch lag es so nahe. Man brauchte ja doch
blos auf die Straße hinauszugehen, bei jedem
dritten Schritte stieß man auf Interessantes, die
alten Straßen und Häuser, die Kirchen, die
Menschen, die rastlos schaffenden Bürger und
Spießer in ihren niedrigen Vorstadtgewölben und
Kneipen, all das war noch nicht auf der Bühne
so geschildert worden, wie man es jetzt thun
wvollte. Und erst das süße Wiener Mädel! das
war jetzt das große Losungswort geworden, wel¬
ches die Bahr, Schnitzter, Ebermann auf ihr
Schuld erhoben. Ebermann, der mit seiner
„Athenerin“ in Wien einen großen Erfolg davon¬
trug, fiel in Berlin damit durch, weil sie ihn
dort nicht verstanden haben. Die Berliner sahen
eben nur Athener, während man in Wien sofort
erkannte, daß Ebermann sich selbst und seine