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Panphletsofforints
Freiheit nichts anzufangen wissen, endet die Debatte mit einem
lauten Nein. Allein so werden Probleme ad absurdum geführt,
nicht gelöst. Aurelie ist eben keine wahrhaft freie Frau, sie
nimmt sich bloß Freiheiten heraus, sie handelt nicht in einer
selbstverständlichen Ungebundenheit, sondern aus Trotz und
Widerspruch, sie ist nichts als ein aufrührerischer Sklave. Zu
sehr an den Mann gebunden, gegen den sie sich empört, ist ihre
Tat allerdings ein Frevel — der gebüßt werden muß.
Es sei gleich hier bemerkt, daß der rastlos fortschreitende
Dichter in seinem letzten Bühnenwerk, dem „Gang zum
Weiher“ das Problem der freien Frau richtiger, tiefer erfaßt
hat. Aber selbst dort hält er an einem Bedenken fest, das
sich als Leitmotiv durch seine sämtlichen Alterswerke schlingt:
es ist die Ueberzeugung von der unrettbaren Labilität des
sittlichen Gleichgewichts aller Frauen. Einmal gestört, ist es
unwiederbringlich auf immer dahin. Und darum wissen die
Frauen, die jungen Mädchen selbst, und empfangen von dort
einen wohlig=wehen Schauer vor sich selber. Schon Johanna
Wegrat wird von solcher Furcht bewegt („Einsamer Weg“);
kaum hat Frau Beate, die dem toten Gatten so lange die
Treue bewahrte, sich an den Knaben Fritz verloren, so weiß sie
auch schon, gequält und beseligt zugleich, daß der Jüngling
dem sie sich gegeben, nicht ihr letzter Geliebter sein wird;
Casanova ahnt, daß die zarte Marcolina, deren erster Liebes¬
nacht er zum zufälligen Zeugen wird, bald aus einem Männer¬
arm in den andern fliegen wird: Anina („Die Schwestern“)
bewilligt, nach der dem fremden Casanova geschenkten Nacht,
sogar dem frechen Hoteljungen Tito einen Kuß, um dann er¬
schreckt sich selber zuzurufen: Was wird aus mir?“ Fräulein
Else, die reinste und unversuchteste von allen weiblichen Ge¬
stalten Schnitzlers, sieht in dem ersten Schritt aus der bürger¬
lichen Wohlanständigkeit hinaus schon den Anfang eines
Dirnendaseins, und die keusch gebliebene Anselma von
Mayenau („Gang zum Weiher“) weiß und bekennt von sich:
Hätt' ich mich für mich selber nicht bewahrt,
Mehr als nur einem mußt' ich dann gehören.
Und daß ich's wußte, das bewahrte mich.
Die biedere Selbstgesälligkeit, mit der dieser Triumph, die
bange Aengstlichkeit, mit der von anderen Frauen die erlittene
oder befürchtete Niederlage ausgesprochen wird, muten freilich
ein bißchen altfränkisch und spießbürgerlich an. Das Dogma
der Jungfräulichkeit wird allzu willig anerkannt, ohne daß
es an einen in sich begründeten Wert gebunden würde.
Damit steht nun freilich in argem Widerspruch die laxe
Sexualmoral, die sonst durch Schnitzlers Schriften streicht
nämlich, wo es die männlichen Figuren angeht, und die doch
bloß zu rechtfertigen wäre, wenn sie einzig um höherer sitt¬
10
licher Pflichten und Taten wille
hat ja Schnitzler gelegentlich versu
mit dem Vaterproblem. Im allg
er seinen männlichen Helden d
des Libertins: möglichst gering
ist das Prinzip dieser gefälligen
Mit einem erstaunlichen Ma
Schnitzler neben die pathetische
von Aureliens und Falkenirs v
unbeschwerten Leichtsinn und di
solchen moralisch „bewußtlosen“ L
vom schönen Mar und den dre
Komödie der Verführung
Aus dem dicht gestopften
Dramas ist vorhin nur ein Te
die Hälfte. So muß denn nachg
Reifenberg auf dem Frühlingsse
lernt, sondern auch die hübsche
die er sich gleichfalls verliebt,
Herzen auch noch Platz für die r
aus unerwiderter Liebe zu ihren
in unseliger Hörigkeit gebundenen
hinwersen und Kokotte werden
stehliche Max pflückt die drei Iu
andern. Aber beileibe nicht, we
führer ist, dem alle Frauen zuf
ein im Grunde klägliches Glück.
nicht; er darf diese Mädchen
nicht. Wenn sonst bei Schnitzler
gewissenlosen Genießern in glan
bescheidene Gestalten zur Seite ste
die den einförmigen Pfad der P
wandeln und an deren treues 9#
aus den Unwettern der Leidensch
sind die Rollen einmal umgekehrt
die lächerliche und „Brackenburgs
hier ist der Don Juan Max der
sein leichtes Herz flüchten aus tic
wahrhaft Geliebten sowohl Aure
leichten Liebesspiel mit ihm Ve
Er ist im geringsten nicht unhe
einmal Seraphine nimmt ihn er
schaften ein, bedeutet für keine Fr.
eine angenehme Sache mehr denn
Frauen nehmen ihn hin zu flüch
der Mann ein Dirnchen nehmen
Naisonneur des Stücks, der Dich
über ihn, die sonst nur von gefäll