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1. Panphlets Offorints
welcher für seine Anamnesen ja auch nicht vollständiger Bio¬
graphien bedarf, muß aber dann den Verzicht auf die Fülle
des Lebensdetails durch Summierung und Variierung des
Problematischen und seines persönlich=sachlichen Substrats wett¬
machen, wenn seine Handlungen nicht blaß und dürr bleiben,
nicht die nackte Gerüstkonstruktion gar zu deutlich durch¬
scheinen soll.
Freilich, so schlimm wie in den beiden letzten Dramen
stand es bei Schnitzler noch nie um die Einheit und Ueber¬
sichtlichkeit der Handlung. Im „Einsamen Weg“ im „Weiten
Land“, im „Lungen Medardus“ hat er doch immerhin ver¬
mocht, eine Haupthandlung über das Gestrüpp der Neben¬
und Episodenhandlungen emporzuheben; in der „Komödie der
Verführung", im „Gang zum Weiher“ ist der Kampf um
die Hegemonie zwischen den Prätendenten der Handlung noch
nicht ausgetragen. Das dürfte seinen Grund darin haben,
daß der Dichter diese Stücke zu früh aus der Hand gab.
Arthur Schnitzler arbeitet nicht leicht und nicht leichtsinnig.
Sein Biograph Specht!) hat uns seine Arbeitsweise geschildert,
den unermüdlichen Fleiß, die beinahe pedantische Gewissen¬
haftigkeit, mit der er schon fertige Werke immer wieder um¬
schreibt. Specht erzählt auch (was der Verfasser dieser Blätter
übrigens aus des Dichters eigenem Munde vernommen hat).
wie sehr verschieden die Ursprünge manches Werks von der
endgültigen Fassung oft sind, wie während der Arbeit bis¬
spiel zur Tragödie geworden ist, wie nicht selten eine Schöpfung
z. B. machten
anfänglich mit einer zweiten verkettet war
„Der einsame Weg“ und „Professor Bernhardi“ im ersten
Entwurf ein einziges Stück aus. Was in diesem Falle noch
glücklich vermieden ward, ist in Schnitzlers letzten Theater¬
stücken leider bestehen geblieben.
Das ist natürlich keineswegs so gemeint, als hätten in
der „Komödie der Verführung“ die Falkenir= und die Max¬
Handlung nun gar nichts miteinander zu tun, stünden völlig
unverbunden neben= und nur störend gegeneinander. So töricht
und ungeschickt verfährt ein Künstler wie Arthur Schnitzler
natürlich nicht. Vielmehr greifen die beiden Handlungen so¬
Gedankengänge mit Schnitzlers alten Problemen und Gestalten wird
bei genauerem Zusehen dennoch offenbar. Von dem Dichter, der —
nächst dem Propheten — in die unmittelbarste Nähe der Gottheit gestellt
wird, heißt es hier z. B. (S. 31): „Keiner ist so sehr wie er Mensch
von Gnaden des Augenblicks.“ Aber hatte nicht schon Herr von
Säler („Der einsame Weg“) es ausgesprochen, daß die im Worte Tätigen
„von Gnaden des Augenblicks Götter — und zuweilen weniger als
Menschen sind“? (Vgl. Körner S. 21). Jetzt scheidet Schnitzler diese
beiden Typen des Schriftstellers jäh, indem er als teuflichen Gegensatz
und Widersacher des Dichters den Literaten bestimmt.
1) R. Specht, Arthur Schnitzler (Berlin 1922), S. 95.
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