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1. Panphlets offorints
Jüngling seine Freiheit, die dieser ohne Dank und Abschied hinnimmt. Da dringt
die Kunde vom Kriegsausbruch herein. Die Friedensboten sind zu spät zur
Truppe gelangt, die Schlacht war schon im Gange. Mit einem Schlage steht
Konrad als ein ganzer Mann da: sein Leben ist jetzt des Kaisers, kommt er aber
lebend aus dem Kriege wieder, so will er jede rückgelassene Schuld begleichen;
den Freiherrn bittet er, ihm seiner Reden freche Ungebühr in der Erwägung
zu vergeben, daß ungetane Tat den Sinn verstört, und ohne Zwang erklärt er
sich jetzt Leonilden feierlich verlobt. Das Mädchen aber gibt ihn ganz frei: er
möge völlig der Tat und dem Ruhme leben, die Erinnerung an sie soll ihn nicht
beschweren, nur beflügeln. Der Kanzler selbst, dessen Amt unnütz geworden,
gibt es dem Fürsten zurück und wird mit seinem alten Regiment in den Krieg ziehn.
Abermals ist eine halbwegs übersichtliche Inhaltswieder¬
gabe nur so möglich gewesen, daß eine Menge von Neben¬
handlungen und Episoden absichtlich vernachlässigt wurde. Denn
wie die „Komödie der Verführung“ zerfällt auch dieses Stück
in zwei Handlungen, die Leonilda= und die Sylvester=Handlung.
und über beiden wölbt sich als dritte, mit ihnen nur äußer¬
lich und in keiner Weise organisch verbunden, die Kuppel
der politischen Ereignisse.
Einen Krieg als Nahmen um eine Liebeshandlung zu
spannen, richtiger gesprochen: in seine Atmosphäre eine Liebes¬
handlung zu tauchen, das hat Schnitzler schon einmal — und
mit besserem Gelingen — im „Ruf des Lebens“ versucht. Dort
trat der Krieg als gewaltiges Symbol des Todes in scharfe
(von Schnitzler so sehr geliebte) Antithese zu Liebe, blieb inner¬
halb der Dichtung durchaus der Liebeshandlung untergeordnet;
im „Weihergang“ ist das politische Geschehen, trotzdem es
mit der Liebeshandlung im Grunde nichts zu tun hat!), zu sehr
ausgedehnt, macht sich mit seiner eignen Problematik breit,
benimmt der Haupthandlung Luft und Raum. Das Stück zer¬
fällt in Stücke.
Noch schlimmer als um die Einheit der Handlung steht
es um die des Problems. Handelt es sich um das Problem
des zum Weib erwachenden Mädchens? oder um das der
freien Frau? um den alternden Mann? um das Heimats¬
problem? um den Pazifismus? Oder verbirgt sich der eigent¬
liche Sinn des Stücks in dem wahnsinnigen Sekretär Ungnad,
der aus der logischen Möglichkeit des Solipsismus eine ernst¬
liche Ueberzeugung macht??).
Parallelen zu früheren Schriften Schnitzlers findet der
Leser des Weihergangs“ auf Schritt und Tritt; aber es sind
nicht einfach Wiederholungen, unbewußte Reminiszenzen, son¬
!) In Marie Moser kann nur ein so einzigartiges Ereignis wie der Krieg
das Band jungfräulicher Zucht sprengen, daß sie den kranken Vater ver¬
läßt, ja tötet, um einem jungen Helden die letzte Nacht zu verschönen;
Leonildas wie Sylvesters Schicksale werden durch den Krieg weder ausgelöst
noch irgend bestimmt.
Anregung zu dieser Figur und ihrer psochiatrischen Beurteilung dürfte
Schopenhauer gegeben haben: „Die Welt als Wille und Vorstellung“,
I, § 19.

dern wohlbeabsichtigte Wiederaufnah#
Prozesse. Das gilt besonders für Sylv
sale; sie erinnern bis zur Verblüffun
eignisse des „Einsamen Wegs“ des
Casanova=Novelle. Er ist ein Julia
ihm fließen Georg Wergenthin und
einer einzigen Gestalt zusammen, ei
Casanova eine enttäuschungsvolle H
Schwester Anselma gehört in eine 2
des alten Weiring („Liebelei“) und
Sekretär Ungnad stammt aus der
spielers“ Georg Merklin?). Wichtig
keiten, deren Zahl leicht zu vermel
Problemverwandtschaft des „Weiherg
der Verführung“. Dort war der Fall
an ein sich darbietendes Spätglück
und durch seinen Zweifel dieses Glüch
und sich selber zerstört; die Verurt
eigenen Worten: „Ist Vorhersicht nic
die geheimnisvolle Kraft, heraufzub
hüten möchte? Und wenn es ihr ge
sie dann noch Vorhersicht gewesen?“
Also war der Zweifel falsch?
die Sache nun ins Gegenteil. Im „(
ein Alternder zuversichtlich nach einer
ihm, und er geht zugrunde. Was
um der Geliebten willen, Sylvester v
Schaden: er hält für Liebe, was doc
Freundschaft war. Man darf noch
Rettung durch den Jugendfreund, de
mächtigt, hätte auch der tiefer angele
können, wenn Prinz Arduin, ihr
schlossen sich geholt hätte, ehe sie
und Leben vergab?). Ja eine Szene d
ohne Veränderung eines einzigen
der Verführungskomödie herüberge
paßt er dahin. Es ist die Auseinan
Leonilda mit dem rückgekehrten Syl
bettelt; also dieselbe Situation, in
bewußt gewordene Falkenir der „E
über gerät. Allerdings ähnelt dieser
leicht noch genauer dem kurzen Re
und Arduin, der ihr am dänischen S
was geschah, noch einmal seine Han
1) Bgl. Körner, S. 52f.
2) Ebend. S. 161.
3) „Komödie der Verführung“, S. 20.
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