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Panphlets Offorints
alternden Mann, gilt seine schmerzliche Liebe, und ob er ihn
auch moralisch verwerfen und physisch zum Tode verurteilen
muß, er tut's, man merkt es, mit zuckendem Herzen. Mit
fast verletzender Wirklichkeitstreue hat Schnitzler diesem trau¬
rigen Helden manchen Zug des eigenen Antlitzes geliehen.
Ein leichtsinniger Melancholiker, ein im Grunde herz¬
und gewissenloser Sinnierer, ein Hypochonder des Lebens und
der Liebe ist dieser Sylvester wie nur je einer von Schnitzlers
immer diesem Typus zueignenden männlichen Helden. Für
ihn gilt mehr noch als für Julian Fichtner das für diesen
geprägte Wort: daß die Gabe, dauerndes Glück zu geben
oder zu empfangen, nicht in ihm lag. Und nun kommt das
Alter über ihn, das auch den einsamkeitsfreudigsten Menschen
nach einem Gefährten bangen läßt. Er, der schon entschlossen
war, durch Verbindung mit der Sängerin Alberta für den
müden Lebensabend sich ein festes Heim zu gründen, begegnet
noch einmal der Jugend, einer Jugend die an ihn glaubt,
ja ihn idealisiert; deren sehnsüchtige Erinnerung die Ver¬
gangenheit lebendiger macht als eine schale Gegenwart. Da
wird sich Sylvester erst bewußt, wie kläglich er sein ehedem
so strahlendes Leben beschließen wollte, er wendet sich von
der Türe seines eben erst gegründeten Hauses und folgt der
Lockung Leonildas, die ihm einen Weg ins Freie zeigt, hinweg
von dumpfer Pflicht und unseliger Gemeinschaft. Er könnte jetzt
Leonilda souffliert sie ihm — die Worte des Filippo Loschi
sprechen:
Wahn ist nur Eins: das nicht verlassen können,
Was uns nichts ist, ob Freund, ob Frau, ob Heimat ¬
Und eins ist Wahrheit: Glück, woher es kommt!
Die Regungen seines Gewissens, das Albertas Groll,
Verzweiflung, Fluch befürchtet, schlägt das Mädchen mit der
anarchischen Rede nieder, daß am Ende nur eine Schuld
unsühnbar sei:
Mit sebendem Aug' den falschen Weg zu gehn.
So wiederholt Sylvester die Tat des Julian Fichtner, der
das von ihm geschwängerte Mädchen im Stiche läßt; er sucht
wie Georg Wergenthin im Aufschwung zu höherem Kunst¬
schaffen die schurkische Hinopferung des Weibes vor sich zu
rechtfertigen. Aber anders, gerechter als dem Helden von
Schnitzlers Roman wird ihm gelohnt. Er folgt einem Irrlicht;
nicht ins Freie, ins Leere führt sein Weg, und er muß schwere
Schuld teuer bezahlen.
Die Aehnlichkeit von Sylvesters und Georg Wergenthins
sie geht bis in die
Schicksalen ist so groß und auffällig
Motivatome —, daß man kaum zu viel sagt, wenn man im
„Weihergang“ etwas wie einen Prozeß zweiter Instanz sehen
will, in dem der im „Weg ins Freie“ allzu mild beurteilte
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