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PamphletsOffarints
mit einem Feind, der uns bedrängt? Ist das Wort, das
eben verklang, nicht schon Erinnerung? Der Ton, mit dem
eine Melodie begann, nicht Erinnerung, ehe das Lied geendet?
Dein Schritt über diese Wiese dort nicht gerade so vor¬
bei wie der Schritt von Wesen, die längst gestorben sind?“ —
Nichts hat Bestand — und andererseits doch wieder alles.
In Hofmannsthals frühem Versstück „Gestern“ (1891) erfährt
Andrea, der nur den Augenblick gelten und von ihm sich
treiben läßt, die Macht des unverwischbaren Gewesen:
Es ist, so lang wir wissen, daß es war.
Schnitzler brauchte solche Weisheit nicht erst von dem
jüngeren Freunde zu lernen; er hatte sie vor ihm schon in
dem Anatolstück „Denksteine“ (1890) ausgesprochen: „Was
Und er wiederholt sie in den späten „Schwestern":
war, ist.“
von jeder Stunde
Gleich wie von jeder Herberg, drin du wohntest,
Und ging in Flammen hinter dir sie auf,
Trägst den Geruch du ewig in den Haaren,
Und jene Stunde war.
Tut sich hier ein Widerspruch auf? eine Unklarheit und
— Nein. Nur die Pein
Verwirrung in Schnitzlers Tenken?
einer unlösbaren Rätselfrage, das quälende Bewußtsein von
der unversöhnlichen Antinomie des Lebens, das als ein Werden
zugleich ist und nicht ist. Die Frage nach der Wirklichkeit,
und zwar nicht bloß nach ihrer Qualität oder Finalität, nicht
nur die quaestio juris, sondern vor allem die quaestio facti
geht ja durch alle Werke Schnitzlers. Ist unser Leben über¬
haupt? Gibt es Merkmale, die Sein und Schein, Traum
und Wachen, Tat und Spiel unterscheiden? Gibt es überhaupt
etwas außer meinem Bewußtseinsinhalt? Ist das Ende meines
Im „Auf
Bewußtseins nicht auch das Ende der Welt?
des Lebens“ spricht der Offizier Max wirklich solche Ueber¬
zeugung aus: „Alles stirbt mit uns. Unser eigener Mörder,
während er uns den Dolch ins Herz gräbt, stirbt mit uns.“
Derlei solipsistische Gedankengänge begegnen öfters bei
Schnitzler; aber aus der zagen Andeutung zu ausführlicher
Gestaltung gelangt sind sie erst im „Weihergang", in der
Person des Sekretärs Ungnad. Der vertraut Sylvester sein
großes Geheimnis:
Der Freiherr
Mit Schwester, Tochter, Dienerschaft und Gästen,
Das Schloß, der Park, die Erde und ihr Blühn,
Der Himmel und sein Glanz, der Fluß, sein Rauschen,
Der Tag, die Nacht, so Menschen wie Natur,
All dies ist Schein. Auch ich, wie ihr mich seht.
Es ist mein Geist, der sich die Welt erschuf
Und mittendrein sich selbst gestellt.
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——
Schließ' ich
Erlischt das Licht. Halt' ich den 2
Niecht keine Blume. Schlummr' i
In Schlaf die Welt. Und wenn
die Welt in mir.
Und Gott?
Ich stehe als der Stärk're wider
Den ich, erschauernd ob der eigne
Als ewig über allem Schein erschi
Und den ich doch, so ewig ich ihn
Mit mir ins ew'ge Nichts hinunte
Dieser Auftritt, dieser Dialog Sy
lärs folgt unmittelbar auf jenen 2
voll ist der Klage über die Vergängl
lichkeit des verfließenden Lebens. 1
nur die letzte Konsequenz: besteht der
auch nur das den Augenblick erleh
creaturae in totum ego sum et prae
et omnia ego creata feci. So
in dem verwirrten Sekretär sein ei
Zerrbild auch in der Hinsicht, daß 1
macht, was für Sylvester Lebenspr
Egoismus.
Schwerer verständlich als die sol
Sekretärs ist seine Einschätzung von
durch diese Vernichtungstat wird jen
liches Wesen:
Das war dei
Ich spürt's mit Gran'n — daß
nämlich aus dem Gehege von Ungnad
autonomen Sein.
Hier schneidet sich mit dem Erke
heitsproblem. Arthur Schnitzler, der
schaftlichen Zeitalters, bewährt sich
als überzeugter Determinist: Gesetze
begreiflich und unerbittlich, und spi
Willens. Aber eine Möglichkeit g
Tyrannei sich zu entziehen: daß ma
entweicht.
Was kommen muß, wird komme
Den, der es nicht mehr schau'n
Dahinzugehn, ist Freiheit, und
Die einzige, die uns Sterblichen
1) Die Verse sind dem „Schleier der Be¬