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1.
Panphlets Offorints

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scheidet die Begriffe Heimat und Vaterland als einen natürlich¬
notwendigen und einen künstlich=zufälligen!); sie können, sie
sollten freilich zusammenfallen.
Das ist's,
Woran sich eines Fürsten Größe kündet:
Wenn sich in seiner Untertanen Herzen
— in ihren Köpfen
Von beiden das Gefühl,
Von beiden der Begriff zur Einheit bildet.
Der heiligere Begriff ist immer doch der der Heimat;
über dem vergänglichen Schlachtenglück und frecher Sieger¬
laune steht er als ein Ewiges. Die Zufallsreiche der Fürsten
können morgen zerfallen, so wie sie gestern gegründet wurden;
Heimat aber bleibt
Der Erdenfleck, der mir gehört, so wie
Ich ihm, wer immer ihn als Fürst beherrsche.
Und schrien sie alle, die von Arzeit her
In diesem Lande hausen, meine Fremdschaft
Ins Antlitz mir — und schichteten sie selbst
Den Holzstoß für mich auf: — mir könnte nimmer
Ihr Droh'n, ihr Hassen das Gefühl verwirren.
Du Erde weißt, daß ich aus dir erwuchs,
Du Himmel, daß du Heimat überglänzest,
Und kein Verworf'ner atm' ich zwischen euch?).
An Gehalt, das wird wohl jeder zugestehen, fehlt es
dem „Gang zum Weiher“ nicht. Im Gegenteil, zu viel und
zu vielärtiges Gedankengut hat der Dichter in das schmale
Gesäß dieser Dichtung geschüttet, und so Mannigfaltiges zur
Einheit zu zwingen, war eine Aufgabe, an der auch der größte
Meister zuschanden geworden wäre. Aber nicht nur der Um¬
stand, daß sich die üppigen Motive und Probleme in dieser
Dichtung allzu sehr drängen und stoßen, verursacht den un¬
befriedigenden Eindruck, den der Leser von ihr empfängt; noch
ein anders muß wirksam sein, daß sie bei aller Fülle im
Grunde leer, trotz dem für einen Schnitzler bedeutenden Pathos
1) Schnitzlers Terminologie ist allerdings nicht eindeutig; S. 29 heißt die
Antithese Reich und Vaterland, S. 36: Vaterland und Heimat.
*) Und ein Dichter, der mit so inbrünstiger Liebe von der Heimat spricht,
muß es sich gefallen lassen, daß leichtfertiger Unverstand ihn der Vater¬
landslosigkeit und des Anarchismus bezichtigt und so falsche wie gefähr¬
liche Marke gebrauchsfertig weitergibt an die Angelehrten und Urteils¬
losen. Ich kann nicht heftig genug den Anfug rügen, mit dem Max Koch
in der 4. Auflage seiner vielverbreiteten „Geschichte der deutschen Literatur“
(III., S. 293) ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Berse der
„Schwestern“, deren Sinn und Zweck er gar nicht begriffen hat, zum
Anlaß nimmt, um den unschuldigen Dichter vor dem deutichen Publikum
an den Pranger zu stellen. Jedem, der zu lesen versteht, ist klar, daß der
Dichter den allerdings anarchischen Lebensanschauungen des Stegreif¬
ritters Casanova keineswegs seine Zustimmung gibt, klar auch, daß in
den von Koch zitierten Bersen überhaupt nicht das Heimatsproblem,
vielmehr jenes der absoluten Einsamkeit des Menschen, der ewigen
Unsicherheit aller Lebensbeziebungen angerührt ist.
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