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Panphlets Offorints
gedanken spielen lassen; vage Sehnsüchte ihres bei aller Rein¬
heit doch verlangenden Frauenkörpers verwirren ihr Gemüt;
dazu kommt die physiologische Erregung durch das Monatliche,
und endlich fehlt auch erbliche Belastung nicht: des Vaters
jüngster Bruder, dem Else sogar ähnlich sieht, hat sich mit
fünszehn Jahren umgebracht.
Das Motiv der bedingungslosen Einsamkeit aller
licher Problematik können
Menschen erscheint in der Novelle, beschränkt und zugleich
rSchnitzler in den letzten
vertieft, als Einsamkeit innerhalb der eigenen Familie.
neuen Dramen gar nicht
„Ein bißchen Zärtlichkeit, wenn man hübsch aussiebt, und ein
Armut wird ihnen zum
bißl Besorgtheit, wenn man Fieber hat, und in die Schule schi#
theitlicher, konzentrierter,
sie einen, und zu Häuse lernt man Klavier und Französisch, und
Sommer gebt mon aufs Land, und zum Geburtstag kriegt w
isterwerke denischer Er¬
Geschenke, und bei Tisch reden sie über allerlei. Aber was in min
vorgeht und was in mir wühlt und Angst hat, habt ihr elich
in Art und Form; und
darum je gekümmert?“
genau so gut ein Beweis
Diese anklägerischen Worte richtet Fräulein Else im Geiste
Kunstschaffen und Kunst¬
an ihre Angehörigen. An ihrer Leiche wird auch Elses Bruder
ie die Dramen es vor¬
die Frage ausseufzen können, die im „Einsamen Weg“ Felix
abei fehlt es aber auch
We#at der toten Schwester gönnt: „Wer hat sie denn gekannt
elbst stofflichen Bezügen
von uns allen? Wer kümmert sich denn überhaupt um die
auffällig ist da die durch
andern?“ — So groß und weh ist dieses Leid der Einsamkeit,
rs durchgehende Vision
daß es selbst den grobschlächtigen Leutnant Gustl durchschüttert;
e hüllenlos im Monden¬
urelie, die ihre Nacktheit
er monologisiert:
taurig, so gar niemanden zu haben — Aber so ein Unsinn!
er orgiastische Ball in
„Js
Her 4 und die Mama und die Klara Ja, ich bin halt der Sohn,
rhibitionistische Wahn¬
der Bi#der aber was ist denn weiter zwischen uns? Gern haben
letzten Grunde
sie mich ja, aber was wissen sie denn von mir? Daß ich meinen Dienst
Fräulein Else eine
mach', daß ich Karten spiel' und daß ich miit Menschern herumlauf' —
Mädchen, das
aber sonst? Daß mich manchmal selber vor mit graust, das hab ich
schmählichen
ibnen ja doch nicht geschrieben.“
lehm verbringt,
Mit dem „Leutnant Gustl“ zeigt unsere Novelle noch
ür den vom
andere Uebereinstimmrngen; bis in das winzige Detail, daß
ündelgelder
Else wie die in der früheren Erzählung auftretende Frau
rleihung
Mannheimer getaufte Jüdinnen sind, denen man „nichts an¬
das in
merkt“. Dem Leutnant Gustl, der von außer zu einem Selbst¬
muß die
mord gedrangt wird, den er schließlich doch nicht begeht, steht
den Anblick
das schwache Mädchen gegenüber, das von innen her zu der
urelie geht
schweren Tat reift und sie wagt. Der Offizier will sich ein¬
t zugrunde,
reden, daß er als Ehrenmann die ihm angetane Schmach mit
bnissen, in
dem eigenen Blut ebwaschen muß, wenn auch niemand in
der Welt außer iom von dem Schimpf etwas wüßte; aber
hie gestaltet,
sobald der Täter und einzige Wisser dieses Schimofs tot ist,
gearbeitet,
trägt Gustl sein Leben und des Kaisers Nock ruyig weiter.
falt, ja mit
Else hingegen, die, einiger zuchtloser Wünsche und Träume
n Dorsday
wegen, sich vor dem eignen Gewissen ein verworfnes Ge¬
g eines schon
schöpf, ein Luder nennt, ist in Wahrheit so keusch und rein,
ds. Die trost¬
diß sie an der ersten Berührung des irdischen Schmutzes zu¬
pete Familien¬
grunde geht.
lit Selbstmord¬