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PanphletsOfforints
Selbstmords den sicheren Schluß ziehen
Als Fridolin in der zweiten Abenteuernacht den schlimmen
nächtliche Warnerin, Retterin sei. So
Traum seiner Gattin zu rächen sich anschickt, erscheint es ihm
sehen und folgt ihren Spuren bis in
ankenhauses. Ob die Selbstmörderin,
einen Augenblick als besonders köstlich, eine Art Doppelleben
hönheit seiner Abenteuernacht gewesen,
zu führen, der tüchtige verläßliche Arzt, der brave Gatte und
ihren nackten Leib gesehen, nicht das
Familienvater und zugleich ein Wüstling, ein Verführer, ein
keinem zu unwiderruflicher Verwesung
irgendeinmal, ob es vielleicht gestern
zynischer Spieler mit Menschenpuppen zu sein. Dies ist ein
hicht zu sagen vermocht —, es war ein
Thema, das Schnitzler schon früher einmal gelocki hat. In der
Intlitz.“— Wieder kommt er erst gegen
Novelle „Die Weissagung“ wird ähnliches als Luhalt eines
fenden Gattin bringt ein Gefühl von
Theaterstücks mitgeteilt: ein bürgerlicher Mann, ergriffen von
Herz. Am Ende seiner Nervenkräfte,
einer plötzlichen Sehnsucht nach Abenteuern und Fernen, ver¬
eichtet alles der Erwachten, die seiner
en, die milde und verzeibende Antwort
läßt die Seinen ohne Abschied und erlebt im Verlaufe eines
kwir aus allen Abenteuern heil davon¬
Tages so viel Schmerzliches und Widriges, daß er wieder
d aus den geträumten.“
zurückzukehren gedenkt, ehe Frau und Kinder ihn vermißt
und Denkspiele, die wir aus
haben; aber ein letztes Abenteuer auf dem Rückweg, nahe
ausgelöst haben, sind auch in
der Tür seines Hauses, hat seine Ermordung zur Folge.
iden Frühwerken ähnelt ihr
Es fehlt nicht viel dazu, daß auch Fridolins Leben solche
atrice". Dort auch gespenstern
Fortsetzung und so trauriges Ende nähme. Auf dem Rückweg
vom Orgienball wird er beinahe von einem Strolch ange¬
gierden ohne Mut,
fallen, und am Abend des zweiten Tages kommt ihm, wenn
icht des Tags
auch nur ganz flüchtig, der Einfall, „zu irgendeinem Bahn¬
'rer Seele,
kriechen wagen.
hof zu fahren, abzureisen, gleichgültig wohin, zu verschwinden
für alle Leute, die ihn je gekannt, irgendwo in der Fremde
elt Fridolin die Gedanken¬
wieder aufzutauchen und ein neues Leben zu beginnen als
virkliche Untreu
Zeidenorts
ein anderer, neuer Mensch“.
jede leiseste
Regung der
Solche dämonische Doppelexistenz, mit der Fridolin schlie߬
as Fridolin vor der unbe¬
lich doch nur spielt — wir leben sie im Grunde jedermann
es dem Midchen zu, das
und alle Tage in der geschiedenen Zwieheit des Wachens
und Träumens. Wie ofi erinnert man sich eines längst ver¬
und erbebt,
gessenen Traumes, und weiß nicht mehr, hat man das erlebt
der dich sähe,
oder nur geträumt. Wem fällt da nicht der Solipsist Ungnad
bist du
am nächsten Tag
ein, der die Rätselfrage um Traum und Wirklichkeit radikal
ibernächsten,
löst, indem er dieses Nur auf den Inbegriff aller möglichen
Perzeptionen ausdehnt. Und sind wir nicht alle bisweilen
mich selbst,
solcher Gesinnung geneigt? — Fridolin, der durch die nächt¬
im Arm zu halten,
ftet, nicht der Atem!
lichen Straßen schreitet, sieht plötzlich alle Menschen, auch
Gattin und Kind, völlig ins Gespenstische entrückt. „Und
lle auch wieder ein auf den
in dieser Empfindung, obzwar sie ihn ein wenjg schaudern
Zeatrice“ Wird im Drama
machte, war zugleich etwas Beruhigendes, das ihn von aller
wirkliche bestraft, so in der
Verantwortung zu befreien, ja aus jeder menschlichen Beziehung
ch — und mehrfach — ver¬
zu lösen schien.“ Denn wie leicht wäre dieses Leben zu führen,
geträumte verziehen. Ja
könnten wir es in allen Zeiten und Lagen betrachten sub
hter und
rascher als Fridolin
specie Somnii.
n Ausdruck von Schnitzlers
Aber schon mahnt uns der Dichter zu anderer Besinnung.
läs
dargelegter Ueber¬
wenn er uns Fridolins Gegenwort hören läßt: „kein Traum
Beib ungleichen Ge¬
ist völlig Traum". Und so halten wir wieder bei der ver¬
zu werten seien!).
zweifelten Weisheit des Paracelsus:
ür die Erlebnisse der kultischen
Es fließen ineinander Traum und Wachen“
or
In
als für Träume.“
Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.
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