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PamphletsOfforints
Der Zwinger
Dresdner Zeitschrift für Theater und Kunst
2. Jahrg. Dresden, den 1. Juni 1918
Heft 6

Inhalt: Oskar Walzel, Arthur Schnitzler — Margarete
Sachse, Der Reiter im Bamberger Dom — Hans Lebede,
Von Richard Wagners Arbeitsweise und seinem Verhältnis zu
seinen Stoffen Rudolf Holzer, Girardi — Otto Schmid,
Luigi Bassi — Hans Fredersdorff, Begeisterungen — Mein
erstes Auftreten: 14. Theodor Becker, 15. Alfred Meyer,
16. Dr. Waldemar Staegemann
Oskar Walzel
Arthur Schnitzler
Wohlwollende mahnen mich immer wieder, daß ich Her¬
mann Bahr und Arthur Schnitzler überschätze. Sie meinen wohl,
alte Wiener Kameradschaft verdecke mir die Schwächen zweier
gleichaltriger Jugendgenossen.
Ich gebe zu, daß sich mir mit den beiden Namen eine Menge
von Jugenderinnerung verknüpft, die allmählich verklärt wird,
wie alles, was unwiderbringlich in der Vergangenheit liegt. Nur
glaube keiner, daß mich enge freundschaftliche Verbindung früh be¬
stochen habe. Gerade weil ich die Anfänge Bahrs und Schnitzlers
aus der Nähe betrachten konnte, nahm ich sie zweifelsfroher hin
und mit stärkerer Reigung, mich nicht blenden zu lassen, als wenn
ich sie sofort aus verschönernder Ferne erblickt hätte. Es ist wohl
nicht bloß Eigenheit des Wieners, dem Nachbar scharf auf die
Finger zu gucken und seinen Worten noch mehr Bedenken ent¬
gegenzusetzen als den Aeußerungen einer Persönlichkeit, die
anderswo sich Anerkennung und Ansehen erworben hat.
Wer die geistige und künstlerische Entwicklung des jüngsten
Menschenalters ergründen will und dabei auf Hermann Bahrs
Fingerzeige verzichtet, scheint mir recht schlecht beraten zu sein.
Denn kaum dürfte ein zweiter diese Entwicklung gleich lebhaft in
sich miterlebt haben und ihres Sinnes sich so früh bewußt ge¬
worden sein wie Bahr. Sehr ernste und sehr strenge norddeutsche