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Pamphletsofforints
sehen und sich für eine Unwürdige opfern? („Der tote Gabriel“) durfte sich der
liebende anmaßen, das Mädchen, das ihm treu anhangt, zu vergiften, um für eine
andere frei zu werden? Er durfte es nicht, sagt uns Schnitzler und führt die
poetische Sühne herbei. („Der Mörder“) Wir sind an einer Scheide angelangt; sind
auch die Menschen einem Faktum unterworfen, das sie gegebenenfalls korrigieren
können, einen selbstherrlichen Eingriff in die fremde Willenssphäre gibt es nicht.
Das Spiel mit dem Schicksal wird zum Egoismus, der das für Schicksal hält, was
persönliche Willkür ist und es ist eine geistreiche Variation desselben Themas
wenn der verbitterte Junggeselle um die Wirkung seines Testamentes geprellt wird
Zwietracht wollte er säen, stößt aber auf das reife Urteil erfahrener Männer, nicht
auf den Uberschwang eifersüchtiger Jugend („Der Tod des Junggesellen“).
Allerdings hat das Zusammenleben in der Ehe auch manches Schöne gebracht,
eines fehlt in der Regel: Die Gatten sind zwar in den Alltagssorgen, in den Schick¬
schalen ihrer Kinder miteinander verknüpft, für die seelischen Regungen mangelt
das Feingefühl. Der Kapellmeister Adams löst deshalb die Verbindung. („Ein
Zwischenspiel“), Julian Fichtner und Stefan von Sala sind innerlich ebenso einsam
wie ihr verheirater Freund („Der einsame Weg“). Dionysia wird von ihrem Gatten
mißverstanden („Die Hirtenflöte“), Beatrice ist für ihre Umwelt ein Wunder in ihrer
Triebhaftigkeit und symbolisiert wohl die Vielfalt psychischer Möglichkeiten („Der
Schleier der Beatrice“), Katharina bleibt dem Gatten ebenfalls ein ungelöstes
Rätsel („Die Fremde“), Frau Beate weiß von ihrem Sohne ebensowenig wie er von
ihr. Aus dem unbefangenen Knaben wird der Jüngling, dessen weiches Gemüt die
erste Liebesenttäuschung schon deshalb nicht verwindet, weil er auch die Mutter
mit anderen Augen betrachten lernt. Sie hat wieder einmal Geliebte sein wollen,
statt Mutter zu bleiben. Und diese Wandlung geschah unbewußt, in ihrer Seele
schlummerte der Trieb zur Sünde. Den Mut, sich die Stunden eines späten Glücks
zu erraffen, hat sie nicht mehr, auch Hugo ekelt es vor dem, was kommen kann,
also rasch in den Tod („Frau Beate und ihr Sohn“).
In dieser Novelle ist eine Synthese der Hauptmotive vollzogen, die in den
einzelnen Werken anklangen; gesteigert ist die Grundidee dadurch, daß Frau Beate
Mutter ist, also im gewissen Sinne noch höhere Pflichten zu erfüllen hat, als die
Gattin; kann sie auch nicht mehr Ehebruch begehen, ihrem Kinde muß sie ein
ungetrübtes Bild ihrer selbst bewahren, ihm innerlich nahezukommen trachten. Die
Frauen und Männer Schnitzlers wollten erleben, seelisch verstanden werden, nahmen
es daher mit der Heiligkeit der Ehe nicht genau. Hofreiter und Genia sind das
letzte Paar in dieser Reihe, die Hauptgestalten im „weiten Land“; mit dieser Maxime
kommen sie allerdings auch nicht weiter als ihre Vorgänger. Traurige Einsamkeit,
bodenlose Leere ist das Ende. Der Ring ist geschlossen — von den Problemstücken
sehe ich ab — und wir werden von selbst nochmals zur „Komödie der Worte“
zurückgeführt. Schnitzler zieht hier die Summe seines bisherigen Schaffens. Zuerst
suchte er das „Erlebnis“. Dasselbe will Agnes im „Bacchusfest“; dann spürte er
den menschlichen Seelenregungen und ihren unbegrenzten Möglichkeiten nach:
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