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Panphlets offorints
lichen Gärten. Von dem Schmetterling wird die Raupe stammen,
die der Königin über den Narken kriechen und sie so jäh aus
ihrem Schlummer erwecken wird, dass die Frucht ihres Schosses
hinsiechen muss. Und statt des rechtmässigen Sprossen wird ein
anderer den Thron besteigen, der das Volk in Verzweiflung und
Kriegswirren stürzen wird, der Heimat zum Verderben.
Das Wesentliche, das mit uns geschicht, können wir nicht in
den Kreis unserer Berechnungen einbeziehen, weil es ganz ausser¬
halb unseres Selbst liegt und unbekümmert unseres Willens ge¬
schieht. Weil es geschehen muss. Wir vermögen nichts über unsere
Geburt und über den Tod. Das Schicksal schiebt uns hinein zwi¬
schen Urahnen und Urenkel. Eine urgewaltige Kraft treibt Mann
und Weib zusammen, dass sie sich verschmelzen zu einem Glied
der Kette, die von der Ewigkeit kommt und zur Ewigkeit drängt.
Irgendwoher treibt der Geist, der über allem schwebt, zwei Wesen
zusammen, . .. zum Guten, zum Bösen? Sie werden getrieben!
Sie lieben sich oder sie bleiben sich ewig fremd, und andere
Wesen kommen irgendwoher zu diesen Wesen... und es beginnt
der leidenschaftliche Kampf in der Seele der beiden, die zusam¬
mendrängen und die das Schicksal mit grösserer Kraft getrennt
hält. Warum? Es ist so! Weil es so sein muss . .. Es gibt das
Gesetz der Prozente, das Ananke blindlings handhabt. — So und
soviel Perzente von Neugeborenen müssen sterben, zwei Perzente,
weil die Nabelschnur das Kind bei der Geburt erwürgt; so beleh¬
ren die Arzte den Georg von Wergenthin im „Weg ins Freie
Warum dies sinnlose Werden? fragt Georg vor der Leiche des
totgeborenen Kindes .... Weil das Gesetz der Prozente sich Gel¬
tung verschaffen muss!
Welche Torheit, sich für die Zukunft an Ziele, an Treuschwüre
zu binden, wissen wir doch nicht einmal von der Gegenwart, was
mit uns vorgeht! In weiter Ferne spinnt sich in diesem, in jenem
Momente ein Schicksalsfaden für unsere Zukunft an, und wir —
wie „Marionetten — agieren an diesen Fäden!.
Aber dieses Unvorhergesehene im Leben ... erschüttert es uns
bei der Lektüre Schnitzlers? Werden wir niedergeschlagen oder
begeistert? Gelangen wir in Stimmung? Nein! Nur zerebrali¬
stische, analytische Naturen können Schnitzler geniessen... Wir
werden gespannt, aber nicht gerührt. Das Zusammenspiel zwischen
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