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Panphlets offorints
174 Fr. Thieberger, Grundzüge des jüngstverflossenen Literaturabschnittes.
sonders bei Eulenberg immer wieder ein Kokettieren mit den Gestalte der
eigenen Kunst, ein Überspringen ins verstandeskühl Bizarre, das nur der
Freude am Beherrschen des Kunsthandwerkes entspringt, eine unmögliche Zu¬
sammenstellung von Gestalten und Zuständen. Namentlich mit Bezug auf die
Dramen der beiden genannten Dichter gilt es: die Leidenschaften sind echt, die
Menschen konstruiert. Daran mag es denn auch liegen, daß diese Dichter trotz
eifriger Analyse der Kunsttheoretiker nicht unmittelbar durch ihre Kunst auf
das Volk zu wirken vermögen; denn von einer Verkennung kann nicht die
Rede sein.
Daß gegenüber der Poesie der großen Worte, gegenüber der spekulativen,
erlebnisarmen Luxuskultur die Sehnsucht nach einer gemütstiefen und vor allem
aus der Empirie schöpfenden Kunst allgemein vorhanden war und gegen Ende
der Epoche immer stärker hervortreten mußte, ist im Gleichgewichtsspiel der
menschlichen Seelenkräfte begründet. Selbst künstlerisch weniger wertvolle Werke
wurden mit Jubel begrüßt, wenn man in ihnen die Frische natürlichen Er¬
lebnisses und die Kraft des Gemütes zu fühlen vermeinte. Gunst und Geschmack
sind wahrlich auch hier nicht der orientierende Maßstab, aber daß das Streben
aus der nur technischen Virtuosität und nervösen Gedankenüberreiztheit heraus¬
zukommen, tatsächlich vorhanden war, dafür sprechen z. B. die großen Erfolge
Schönherrs. Der Dichter der „Erde“ und von „Glaube und Heimat“ ist wohl
ein letzter Nachfahr des Naturalismus — im Wendejahr 1895 trat auch er
zuerst in der Literatur auf — aber verglichen mit dem jungen Hauptmann oder
gar dem Ahnherrn des Naturalismus im Drama, mit Anzengruber, zeigt er
sich doch als Sohn einer technisch=klügelnden Zeit, wenn bei ihm auch das
Handwerk nicht Selbstzweck ist. Und ebenso scheint auch nach zwanzig Jahren
der Poesie des kostbaren Wortes die Lyrik, die ungefähr das Erbe Liliencrons
hegt, die Lyrik der Falke, Salus, Ginzkey usf. die erfolgreichste zu sein. Freilich,
auch Liliencronsche Ursprünglichkeit und die Naivität des Volksliedes sind
technisch täuschend zu kopieren. Scheinbare Ursprünglichkeit war auch das
psychologische Geheimnis jenes ungeheuren Erfolges, dessen sich die Frenssen¬
schen Romane rühmen konnten; ihre Wirkung beruhte auf einer überlegten
stilistischen Manier, die, ins Reizende gewendet, von einer noch kostbarern
Wortkultur getragen bei Bartsch wiederkehrte und abermals Erfolg hatte. Wie
man in den matten Siebziger= und ersten Achtzigerjahren am falschen Natur¬
burschentum eines Baumbach genesen wollte, so glaubte man auch an den sü߬
seligen Romanen Bartschs sich gesund zu trinken. Und Bartsch hat noch viel
mehr: er hat eine wohlige Art, sich in die lieben Zeiten versunkener Geschlechter
mit wehmütigem Genießen zu versenken. Wiederum ist dies symptomatisch für
dieses Geschlecht, daß ihm sein eigenes hastendes Zeitalter allzu verstandes¬
gekühlt erscheint und es nur im Einspinnen in eine stillere Vergangenheit Raum
für sein zurückgedrängtes Gemütsleben zu finden wähnt. Auch Otto Ernsts
Schriften, auch Hesses eigentümlichste Romane, auch Hermanns „Jettchen
Gebert“ und in seinen wirksamsten Teilen sogar Manns „Budenbrooks“ und
so viele andere sind der Ausdruck dieser gegenwartsmüden Empfindungen, in
bloßer Deskription oder in problemreichen Konflikten, mit Gottfried Kellerscher
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