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Pamphlets, offprints
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Dr. Maria Maresch, Die Kriegsschuld des Gedankens.
Detailkunst oder Fontanescher Breite von den Dichtern festgehalten. So sehr
bei allen diesen Werken der Grundcharakter der letzten Literaturepoche, namentlich
was die Wortwahl betrifft, durchschimmert, sie ließen doch mehr oder minder
das Gemüt des Lesers mitschwingen und darin lag ihr Erfolg.
Ich fürchte, das neu heraufkommende Geschlecht wird die Literatur der
letzten zwanzig Jahre — soweit sie eben in dieser Heit wurzelt — nach den
gewaltigen Erschütterungen des jetzigen beispiellosen Krieges, der die Menschen
auf die lebenstüchtigen und primitiv=gesunden Seiten ihrer Natur sich wieder
besinnen läßt, allzu undankbar verurteilen. Selten erscheinen die Zeiten, in denen
die Sprache als bloßes Material und die Handwerksgriffe der Kunst so sehr
bezwungen sind, daß sie einem sieghaften Geiste eine dauernde Heimstätte zu
bauen vermögen. Der letztverflossenen Zeit fiel die Aufgabe zu, die Werkzeuge
des Dichters zu vermehren und zu verfeinern. Darin liegt ihre Bedeutung und
ihre Tragik. Und wenn das neue große deutsche Volk eine neue große Literatur
sich erkämpfen wird, dann findet es die Waffen geschmiedet.
Die Kriegsschuld des Gedankens.
Von Dr. Maria Maresch.
Die alte Ethik kennt eine Gedankenschuld. Für sie ist der Gedanke innere
Tat, Vorbereitung der Handlung, Grundlage der Gestaltung des Weltbildes.
Gedanke und Tat, Seele und Politik zeichnen ihre Blutsverwandtschaft
auf jedes Blatt der Weltgeschichte.
Und die Staatslehre war bei den großen Denkern des Altertums und
Mittelalters nur der letzte monumentale Ausbau ihrer Weltanschauung.
Diese enge Zusammengehörigkeit von Staatslehre und Weltanschauung ist
aus dem Bewußtsein unserer Zeit geschwunden.
Wir stehen unter der Herrschaft des freien Gedankens, der sich von jeder
Rücksicht auf äußere Lebensgestaltung und von jeder Verantwortlichkeit dafür
losgelöst hat.
Welche Brücke aber führt von der Gedankenschuld der alten Ethik zur Zoll¬
freiheit des Gedankens in der neuen?
Welchen Anteil hat der freie Gedanke an dem namenlos furchtbaren
Weltgeschehen?
Die Erkenntniskritik der modernen Philosophie hat Denken und Sein,
Erkennen und Leben, Seele und Politik auseinandergesägt. Das Überwuchern
des subjektiven Faktors unserer Erkenntnis über den objektiven, der ethodische
Zweifel an einer objektiven Seinsordnung, die schließliche Beschränkung unserer
Erkenntniskraft auf unsere subjektive Affektion, das Denkbild, die species
intelligibilis haben zur Selbstgenügsamkeit des Gedankens geführt und das
Erforschen der Sozialbeziehung zunächst für den Gelehrten unterbunden. Denn
mit der Beschränkung der Erkenntniskraft auf unsere Innenwelt ist natur¬