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1. Panphlets offprints
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flat mit ihrem Singen die „Liebelei“ gethan. Und dabei ist dies Stück gewiss nicht
—das Beste, was er geschrieben. Seine schwermütig lächelnde, feine, weisshändige Kunst
wird man richtig würdigen lernen, wenn man jenen Band intimer Dialoge zur Hand
nimmt, der „Anatol“ heisst. Hier hat er den modernen Stimmungsmenschen, den sensi¬
tiven Décadent der Wiener Note gezeichnet: Anatol, der in die Vorstadt zum „süssen
Mädel“, geht, das ihn liebt, das ihn streichelt und küsst, und bei dem er sich von den
Frauen erholt, die ihn nur verstehen. Und die Entdeckung des Zimmers in der Vorstadt
mit dem süssen Mädel darin — das ist Schnitzlers That. Keiner vor ihm hat jenes
schmerzliche, bleiche Glück eines Verhältnisses, wo Beide — er und sie — in der Ferne
das unabwendbare Ende erschauen, Keiner hat das je so zu schildern gewusst, als
Schnitzler in diesem Erstlingsbuch, das er noch nicht übertroffen hat: weder in seinem
„Märchen“ noch in „Sterben“, noch in der „Liebelei“, die im Grunde nur eine Zusammen¬
stellung mehrerer Anatolscenen bedeutet.
Darf „Anatol“, dieses stille Buch, keinen grossen Leserkreis erhoffen, so gilt das
noch mehr von Peter Altenbergs „Wie ich es sche“. Denn er ist kein Dichter für
die thätigen Weltbürger, für jene mit der lauten Stimme und den fertigen Idealen — aber
kluge, adelige Frauen und einsame Künstlermenschen, die abseits gehen, werden dieses
Buch immer gern in die Hand nehmen. Es ist ein einziges hohes Lied auf das Weib,
gesungen in den süssesten, zarten Tönen! Ein demütiger Ritter und stolzer Troubadour
ist Peter Altenberg dem Weibe. In der Art aber, wie er sein Thema: „Anbetung der
Frau“ behandelt und ausspinnt, kurz in der Technik zeigt er sich als Schüler der japa¬
nischen Maler, deren' Farben und Linien er in Worte umsetzt. Mit ihnen teilt er
Ne Scheu vor allem plump und gerade Herausgesagten — nur den Duft, den scheuen
Duft der Stimmung will er bringen, die Dinge scheinen vom Geiste der Schwere befreit
— und deshalb, meine ich, werden ihn nicht allzuviele verstehn.
An Schnitzler und Loris, die heute wohl viele kennen, an Altenberg, den wohl nur
wenige gelesen haben, will ich einen Dichter reihen, von dem vorderhand nur die In¬
timsten etwas wissen. Aber vielleicht gilt in einem gewissen und lautersten Sinne auch
vom echten Dichter das Wort, das Dumas einst über die Frau geschrieben: — dass näm¬
lich die beste oft jene sei, von der man nicht spricht. Ich meine Anton Lindner. Man
kennt ihn bisher wohl nur als Kritiker mit einer stark satirisch-polemischen Ader; aber
das ist die nebensächlichste Seite seiner Thätigkeit. Will man ihn lieben lernen, muss
man seine Gedichte lesen. Er liebt die schwülen, sommerheissen, brennenden Südlands¬
farben; seine Sprache rauscht wie Meereswogen; auf Adlersfittigen schwebt seine Phan¬
tasie von Gottes leuchtendem Thren bis zur schwarzen Höllennacht, wo Satan herrscht:
nichts Totes giebt’s für ihn im Weltenall. Wie Siegfried versteht er die Sprache der
Vögel und auch Blumen, Felsen und Wolken reden zu ihm; alles ist Leben und Be¬
wegung; er hat die Midashand des echten Künstlers, der auch den letzten Rest des Ge¬
danklichen, Formlosen, Abstrakten in Stimmung, Situation und Seele umsetzt; das Ge¬
meinste, Alltäglichste, an dem wir achtlos hundertmal vorbeigehen, er rührt daran und
siehe: da glitzert heilschimmerndes Gold! Anton Lindner ist noch sehr jung, aber man
wird gut thun, sich jetzt schon den Namen zu merken.
Und endlich sei auch an J. J. David erinnert, der zwar einer etwas älteren Gene¬
ration angehört, aber so viel Eigengeartetes und Hochpersönliches in seiner Dichterseele
hegt, dass man füglich nur mit grossem Respekt seinen Namen nennen darf. Seine Seele
mag zwar nicht weit sein. Von unendlichem Schmerze, der seine Jünglingsjahre um¬
düsterte und nun auch vom Manne nicht lassen will — er ist als blind und stark schwer¬
hörig zum Dichter und Märtyrer gekrönt, kennt er fast nur einen Ton; den Ton des
Leides, — kennt er fast nur eine Farbe: des Grau der Nebel, die beäingstigend auf die
Seite drücken und über dem Flachland seiner mährischen Heimat gar finstere Gebilde
formen. Aber dieser eine Ton ist tief. Und diese eine Farbe nicht minder.
Carl Baron Torresani, den ich zum Schlusse bringe, hat zwar nur wenig speci¬
fisch Modernes in seiner Art. Aber er ist ein tüchtiger Erzähler, der sich aufs Figuren¬
schnitzen und auf allerlei Stilkünste vortrefflich versteht. Und er ist vor allem ein ver¬
flucht-Hotter Kerl, der einen Oftizierssäbel an der Seite hat, die Kappe im Nacken trägt
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