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1. BanhletOLrints
leichte psychologische Zergliederungskunst mit überlegner guter Laune vereinigte. Schnitzler ist
aber von seinen Anfängen im „Anatol“ nicht bloß, obwohl er seine Vorteile für Einakter bei¬
behält, von der dramatischen Studie zu größeren dramatischen Kompositionen, sondern von
skeptischem Lächeln auch zu vertiefter ernster Betrachtung fortgeschritten, ja in seinem Schau¬
spiel „Der Schleier der Beatrice“, für dessen Probleme auch er den dankbaren und präch¬
tigen Rahmen der Renaissancezeit wählte, hat Schnitzler 1900 das bedeutendste dramatische
Werk der zwei letzten Jahrzehnte geliefert.
Schon in dem Schauspiel „Liebelei“ (1895) bildet die Vorführung leichtfertiger Liebespaare nach
Art Anatols nur noch den Hintergrund für die ernste Schilderung der aus dem Spiele erwachsenden
tieferen, das ganze Leben des Mädchens vernichtenden Neigung. Im „Freiwild“ (1896), das auch
die Duellfrage streift, führt die Schutzlosigkeit der ehrsam um ihren Lebensunterhalt ringenden Schau¬
spielerin gegenüber der Brutalität der Männer zur tragischen Katastrophe. Ungezwungen und in wir¬
kungsvoller Steigerung entwickelt sich in beiden sozialen Dramen die Handlung, deren einzelne Träger
wie das ganze Milieu mit sicherem Wirklichkeitssinn gezeichnet sind. Der bei Hauptmann gänzlich feh¬
lende Humor verstärkt beidemal den Eindruck der erschütternden Schlußwirkung. Vor und nach dem
„Schleier der Beatrice“ arbeitete Schnitzler seine beiden Einakterzyklen aus: „Der grüne Kakadu“.
(1899) und „Lebendige Stunden“ (1902). In der ersteren Reihe, deren letztes Stück am Tage des
Bastillensturmes die unheilbare Frivolität des regierenden Adels beleuchtet, hat Schnitzler geistvoll das
Ineinanderspielen von Schein und Wirklichkeit an einem hypnotischen Kunststücke von Theophrastus
Paracelsus, in einem modernen. Ehebruch, in dem Zusammentreffen von Komödianten und blasierten
Adligen in einer Pariser Spelunke in dramatischen Bildern vorgeführt. Es isi dasselbe Thema, das auch
ein anderer Wiener, Rudolf Lothar, im besten seiner Lustspiele „König Harlekin“ (1900) in phan¬
tastischem Schicksalswechsel vorgegaukelt hat. Wie im ersten Zyklus das Ineinanderwebon von Sein
und Schein hat Schnitzler im zweiten den Wert des voll erfaßten und genossenen Lebens im Gegensatze
zu Kunst und Einbildung, dem Trugwahn vom Lieben und Hassen behandelt, mit Meisterschaft in der
dramatischen Ausführung der einzelnen Charaktere wie in der wechselnden Spiegelung des einen Grund¬
gedankens, sowol in der Tragik der beiden Mittelstücke wie in der ironischen Schilderung des hohlen Lite¬
ratenpaares im heiteren Schlußstücke.
Der im „Schleier der Beatrice“ ausgesprochene Schlußvers des zum Kampfe gegen Cäsar
Borgia ausziehenden Herzogs von Bologna: „das Leben ist die Fülle nicht der Zeit“ würde
als Motto auch dem Sinne der beiden Einakterreihen entsprechen. Gleichsam zur Bewährung
des stolzen Herzogswortes hat Schnitzler mit außerordentlich technischem Geschick die buntbe¬
wegte Handlung in der einzigen Nacht vor dem anscheinend unvermeidlichen Untergang des
belagerten Bologna zusammengedrängt, die beiden gegensätzlichen Naturen des in der Welt
schrankenloser Phantasie und Gemütsschwankungen lebenden Dichters Filippo Loschi und des
immer rasch entschlossenen, zu bestimmter Tat entfchiedenen Herzogs Lionardo Bentivoglio
treffen sich in der Leidenschaft für das seelenlos dahinträumende Kind Beatrice Nardi. Ange¬
sichts eines drohenden Weltuntergangs flammen in der kurzen Zeitspanne von der Abende bis
zur Morgendämmerung alle menschlichen Leidenschaften kraftvoller Übermenschen auf, die von
Wahn und Welt alles Höchste mit selbstverzehrendem Ungestüm fordern. Der sonst im engeren
Kreise des bürgerlichen Lebens der Gegenwart sich bewegend naturalistische Schnitzler hat im
„Schleier der Beatrice“ die Farbenpracht des Symbolikers Hofmannstal erreicht, damit aber
die Gestalten= und Handlungsfülle Shakespearescher Dramatik verbunden.
So zeigt auch dieses beste Drama der letzten Jahre wieder, daß nicht in den Parteilosungen
und Theorieen des Naturalismus oder Symbolismus die neue große Kunst zu finden ist. In
der Gegenwart nicht minder wie in der Vergangenheit muß der Dichter wohl aus der Beobach¬
tung und in Schmerz wie Lust selbsterrungener Kenntnis von Natur und Leben heraus schaffen,
Welt und Leben mit ihrer Daseins= und tiefen Rätselfälle in sich aufnehmen. Aber nicht die
unfreie Wiedergabe der Wirklichkeit oder ein dem Ernste der uns umgebenden Wirklichkeit ent¬
fremdetes bloßes Spielen mit Tönen und Farben vermag das lebendig wirkende Kunstwerk zu
gestalten. Für alle Zeiten und über alle Kunstschulen behält volle Geltung Schillers Mahn¬
wort, daß der wahre Dichter mit erhabenem Sinn das Große in das Leben legen müsse, nicht
darin suchen dürfe.
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