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1. PanphietOfTbrints
Woderne Litteraturströmungen.
Von Mar Lorenz.
Nachdruck verboten.
lles fließt“ — dieses bekannte Wort des großen, Zeit als Wahrheit ansehen, hat in Wirklichkeit auch nur den
Sinn von verhältnismäßiger Wahrheit. Wir können wohl mit
aber dunklen ephesischen Philosophen wird in hun¬
0
Sicherheit annehmen, daß wir mit unsrer „Weisheit“ vor
dert Jahren etwa sein zweieinhalbtausendjähriges
den Menschen nach zweitausend Jahren kaum viel anders
Bestehen feiern können. Und doch ist es heute erst,
dastehen werden, als jene, die ebenso lange ver uns ge¬
in unsern Ickyrzehnten, so recht eine Wahrheit ge¬
lebt, gedacht, geforscht und geschrieben haben.
worden und in seiner großen, grundlegenden Be¬
Was überall gilt, verliert natürlich auch im Reiche
deutung erkannt. Es ist geradezu das Wort geworden,
der Kunst= und Litteraturgeschichte seine Geltung nicht, ob¬
das heutzutage alle wissenschaftliche Anschauung und Methode
wohl allerdings weite Kreise des Publikums gerade hier
charakterisiert. Vor hundert Jahren stand man noch auf ent¬
gegengesetztem Stand¬
punkt. Da meinte man,
alles, zvie es sei, in
Natur und Menschen¬

welt, wie es uns er¬
scheine, sei von An¬
beginn so in die Welt
gesetzt, verharre un¬
veränderlich in seiner
Art und werde immer
so bleiben; die Welt
sei einmal von einem
Urheber der Dinge —
„auteur des choses“
nennt ihn Rousseau —
so gesetzt und werde so
bleiben. Und heute
meint man das Gegen¬
teil. Alles fließt, än¬
dert sich, ist dem Wech¬
sel unterworfen: die
Dinge in der Natur
und wir Menschen¬
kinder mit ihnen. Bei
der Naturwissenschaft
setzte dieser Umschwung
in der Weltanschau¬
ung ein, dann folgte
Geschichtswissenschaft,
u. selbst die Philo¬
sophie bekam ihr Teil
davon. Man erkennt
an, daß alle die vielen
philosophischen Sy¬
steme, die irgend ein¬
mal gelehrt und ge¬
glaubt worden seien,
durchaus nicht nur Zrr¬
lehren waren, sondern
daß sie für ihre Zeit
W
wohlgemerkt: für
ihre Zeit — den Sinn
von Wahrheiten hät¬
#ten, natürlich nur von
relativen, das heißt
verhältnismäßigen
A
Wahrheiten. Aberauch
Gaen
das, was wir für unsre
Am Amboss. Photographische Aufnahme von W. Titzenthaler.
1901. Nr. 3.