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1. PanphletsOfforints
jedem unwahren, weil unbegründeten, deutschen Optimismus, an jener
germanischen Unbekümmertheit, die Kraft scheinen will, und Haltlosigkeit
ist. Daran mußte er vor unsern Augen eindringlich und ursächlich zu¬
grunde gehen, und zwar eng in den Konflikt verbissen, notwendigerweise.
Der Einbruch auf dem Eis ist willkürlich und beweist nichts, als daß dem
Verfasser ein Versehen widerfuhr: eben eine Figur fiel ihm ins Wasser. Da¬
gegen muß er noch einen besondern Dank haben für die liebe kleine Gestalt des
Mariechen Saitz, die ihm so rund aus der Hand rollte; sie wird ihn über
seine Berufung trösten, wenn die frucht= und furchtbaren Zweifel ihm auf
den Hals kommen. Glück zu.
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Stiefschwester Wien
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von Norbert Jacques
Aun liegt uns tagein tagaus streng, keusch und tief wieder die nord¬
(deutsche Ebene in den Augen. Das ungestüme Zielbewußtsein einer
“ wachsenden deutschen Stadt richtet sich mit kaltem Willen rund herum
uns auf. Und vom Kontrast gelockt, steigt der vergangene Sommer in
Wien mit doppelter Kraft in die Phantasie. Wir wohnten ja nicht in der
Stadt selber, sondern draußen im Süden, wo der Wiener Wald kräftig
gegen die ungarische Tiefebene absetzt: Eine kleine Zugstunde vom Süd¬
bahnhof und in einem verzweigten Tal, in dem sich immer die üppige Leib¬
lichkeit der grünen Berge um uns erhob. Wo lag da Wien? Nur die letzten
Wellen der Stadt setzten bei uns ab, die Wellen, die bloß mehr das Wesent¬
liche des Lebens der Stadt kühl herantrugen. Aber selbst bei diesem Verkehr
verstanden wir uns nicht recht.
Doch einmal wurde das herrliche Wien der Nacht entdeckt. Wir kamen
auf einem Abendgange aus einem Dorf heraus auf die freie Höhe und
plötzlich hielt die Nacht uns Wien entgegen als ein Lichterfest von ver¬
schlungenen Rosetten, von steifen und reichen langhinlaufenden Perlenketten,
von hochgehobenen feurigen Blumensträußen, matt glühenden Gewölben von
rotem Dunst in schwarzem Samt. So war die ganze heimliche Struktur
des Stadtskelettes mit glühenden Bällen nachgezeichnet, ein geheimer Zauber,
der eine neue Erkenntnis Wiens zu bringen schien. Im Meer der finstern
Ebene schwommen mit blassem Funkeln kleine Städtchen fernher wie erhellte
Schiffe. Sie strebten alle Wien zu. Die ganze weite dunkele Ebene war wie
von einer Lichtersehnsucht nach Wien erfaßt, und die Stadt lag dorten breit und
nachtromantisch wie ein beseligter Hafen von tausend nächtlichen Festlichkeiten.
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