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Arthür Schnitzler vor dem „Anatol“
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Arthur Schnitzler vor dem „Anatol“
Peyeireenaiytisches von Treener-Rette
Es ist immer ein klägliches Schauspiel, wenn einer, der als
Stürmer und Dränger begonnen, sich später als Jubilar feiern läßt
und eine Tradition hochzuhalten hat. Arthur Schnitzler, der
unlängst fünfzig wurde, ist dieser Versuchung nicht ausgesetzt.
Ich bin in letzter Zeit viel in Pötzleinsdorf und im Cottage
spazieren gegangen, auf Wegen, die dieser Dichter liebt. Ich
mußte beim Betrachten von Gegend und Menschen immer an
ihn denken. Wenn Paare liebesmüde abends durch diese stillen
Gassen nach Hause gehen, wenn elegante Damen zur Stadt zum
Rendezvous fahren, wenn junge, abenteuerlustige Melancholiker
in die feuchtlachenden Augen der Mädchen sehen. Die Tragi¬
komödien, welche Schnitzler dem Alltag entnimmt und weit über
die Höhe des Alltags hinaushebt, sind diesem Boden entsprossen.
Auch in den sanften Linien der Landschaft liegt etwas Schnitzle¬
risches: des Frühlings Werben, des Sommers Sattheit, das melan¬
cholische Ende des Herbstes.
Auf solchen Spaziergängen hab ich die ersten poetischen Ver¬
suche Schnitzlers gelesen, die ich zufällig entdeckt hatte. Sie
stehen nämlich in den vergilbten Heften einer längst einge¬
gangenen Zeitschrift, welche den kitschigen Titel , An der schönen
blauen Donau“ führte. In das Jahr 1888 fallen die ersten Gedichte,
welche der Sekundärarzt des Wiener allgemeinen Krankenhauses
schrieb. Sie stehen in dieser alten Zeitschrift, die ausdrücklich
für die Familie bestimmt war, neben Bildern österreichischer
Erzherzoginnen, neben Frühlingsliedern, neben Rätseln und Be¬
sprechung gesellschaftlicher Taktfragen (für Mädchen vor dem
ersten Ball)
Alle diese Gedichte, Novellen, Fragmente sind nicht nur in
Deutschland, sondern sogar in des Dichters Heimatland (sozu¬
sagen) fast unbekannt. Manche verdienen wohl auch nichts
Besseres, neben das Kunstwerk des späteren Schnitzler gestellt.
Und doch: es ist von seltsamem Reiz, diese frühen Arbeiten
zu lesen. Es wäre so schade nicht, wenn sie dem Literarhistoriker
der einst die Dichtung Schnitzlers rubrizieren wird, entgingen;
schade aber wär’s, wenn wir, die ihn lieben, sie nicht kennten
(wenn wir, die ihn kennen, sie nicht auch etwas liebten).
Sie sind psychologisch fesselnd. Unverhüllter, freier sprechen
sich die Gefühle hier aus, die später nur unterirdisch, verborgen
mitklingen. Jugendliche Probleme tauchen auf; sie werden
später gesehen, ernster gesehen, von der Peripherie in den Mittel¬
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