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PamphleOfferints
SCHNITZLER-GLOSSEN.
VON RICHARD
SPECHT.
Is gibt Konventionen, die in ihrer willkürlichen Außerlichkeit
sinnlos sind, und die doch ihren Sinn in sich tragen — abseits
von jenem, der die Konventionierer und Konventionellen dabei leitete.
2 pas Ansetzen von Festtagen, weil sich wieder einmal zehn Jahre
runden, gehört dazu. Ein Datum ist lächerlich und zufällig, und wenn es
sich trifft, daß es mit einem bedeutsamen Lebenspunkt zusammenfällt, so
sollte nicht das Datum, sondern der Lebenspunkt die Ursache einer Feier
sein. Und weil das fast niemals geschieht, so wirkt es beinahe verdrießlich,
wenn solche Feier einen trifft, an dessen bedeutsamen Tagen man viel
zu oft vorbeigegangen ist und dessen man dafür jubilierend gedenkt, weil
er zufällig fünfzig Jahre alt wird. So wie es jetzt mit Arthur Schnitzler
geschieht. („Was heißt denn fünfzig Jahre? Der Kerl kriegt graue Haare!“ hat
uns Richard Dehmel, auch ein Fünfziger dieser Tage, neulich geschrieben,
als von all diesen Dingen die Rede war.) Schnitzler war mit neunundvierzig nicht
weniger als heute und wird vielleicht als Einundfünfziger viel mehr sein; und
gerade bei einem, der an allem Außerlichen und Lauten immer lächelnd
vorübergegangen ist und der so wenig „Talent zur Feierlichkeit“ besitzt wie
er, berührt ein solches „Datumfest“ sonderbar: keinen kann man sich
weniger veteranenhaft, weniger als „Jubilar“ vorstellen, als unseren lieben
und geliebten Dichter. Trotzdem: als „Anlaß“, als „Gelegenheit“ ist solch
ein Tag nicht geringzuachten. Als Anlaß, Versäumnis gutzumachen. Als
Gelegenheit, dem Gefeierten einmal zu sagen, was man sonst für sich
behält, aus Scheu, aus Trägheit, aus Gedankenlosigkeit; ihm zu sagen, wie
dankbar man ihm ist und wie lieb man ihn hat. Und auch warum. Man gibt
sich wieder einmal Rechenschaft; löst von seinem Bild alles Momentane
und Angeflogene ab, stellt vergessene Zusammenhänge her. Und sollte zu
alledem noch eines: endlich die Etiketten abtrennen, mit denen man sein
Wesen beklebt hat, um auch ihn rubrizieren und in das Fach einschachteln
zu können, in dem man ihm dann erlaubt, Talent zu haben. Weil doch
Ordnung sein muß. Aber man sollte endlich erkennen, wie die wahre.
innere Ordnung in Arthur Schnitzler aussieht. Wie er allem Rubrizieren
längst entwachsen ist. Und wohin ihn sein Weg ins Freie — der wirklich
ein einsamer Weg war — geführt hat. (Die Titel der Schnitzlerschen Werke
nämlich sind wirklich biographisch-symbolisch und erzählen viel von seinem
Erleben, Erleiden und von manchem Unterliegen ebenso wie von manchem
Selbstbefreien.)
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