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1. Panphlets offnrints box 36/7

Friedrich Rosenthal, Jungwien..
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Arbeit Berufenen reif schienen, tauchten auf. Nicht mehr, wie bis jetzt, geht
es um Völker und nationale Ehre, sondern um die seltsam gelagerten Schichten
im inneren Land, um neue Klassen und neue Werte und eine anders gestaltete
Gesellschaft, um das Leben des Indioiduums in allen seinen Verzweigungen
und Beziehungen. Große Länder werden zu Großmächten, große Städte zu
Weltstädten. Der einzelne kann nicht mehr allein stehen und sein Dasein nach
freiem Willen gestalten. Die Idyllen des äußeren Lebens hören ebenso auf
wie seine eigentümliche Romantik. In die Kette großer Zusammenhänge und
vielfach verschlungener geistiger und materieller Interessen gesetzt, wird dem
äußeren Erleben ein Mechanismus aufgezwungen, der lückenlos funktionieren
muß, um die Entwicklung der Gesamtheit nicht zu stören. Der aufrührerische
Geist, der entfesselte Nerv, die glutende, begehrende Seele flüchten sich in die
Künste und Wissenschaften. Für die kommt eine große Zeit. Der neue, mo¬
derne Mensch liefert ein unerschöpfliches, ewig wechselndes Material. Je enger
die Grenzen des höchsten äußeren Geniessens gezogen sind, je mehr die unbän¬
digen schrankenlosen Gentes, die großen Abenteurer zu großen Ausnahms¬
erscheinungen, zu Kranken und Verbrechern werden, um so eher kann die
Seele mit ihren tausendfachen Spiegelungen von der Wissenschaft unterstützt,
in das warme Bett der Künfte kriechen. Und in den vier Wänden der Häus¬
lichkeit, in den drei Wänden des Theaters tobt sich nun als ungefährliche
Sehnsucht, als verlockende Klänge und brennende Worte, als gigantischer
Traum ruhelos aus, was noch die Menschen des achtzehnten Jahrhunderts
wahrhaft nach Talent und Umständen wirklich erleben konnten. Was hätte
einer zu jener Zeit mit den Errungenschaften des unserigen, mit ihren Mög¬
lichkeiten und Verheißungen, mit ihrem Wissen um Geheimes und Rätsel¬
haftes alles erreichen und treiben können? Aber die Welt ist besser geworden.
Die guten Taten der Wohlerzogenen, von seltsamen Gedanken Unbeschwerten,
nützt sie zu ihrem goldgewogenen Vorteil. Die kleinen, aus Enterbtheit so
gewordenen Verbrecher macht sie unschädlich und die großen, gefährlichen,
wirklich Kranken, flüchten hinter die Masken des Künstlers.
Wien hat diese Wandlung aller menschlichen Verhältnisse besonders schmerz¬
lich empfunden und ist heute noch nicht zu dauernder Beruhigung gelangt. Als
der Krankheitsprozeß dieses neuen Werdens einsetzte, war eben die alte Zeit,
deren eines Ende noch im frühen Vormärz verankert schien, gänzlich und in
ihren letzten Gliedern hinabgerauscht. Und es war gut, daß sie ihre geliebte
Stadt nicht mehr im Zustande neuer Kindesbeschwerden zu sehen brauchte.
Man hatte das alles zwar schon früher gekannt und mitgemacht, hatte gelebt,
gedichtet, mufiziert, gemalt, Politik und Wissenschaft getrieben, aber ruhiger
und gemütlicher, ohne dieses gefährliche Tempo, ohne dieses beschwerende Ahnen
und Wissen von tausend neuen und merkwürdigen Dingen, ohne diese unbequem
rüttelnde Leidenschaft. Trotzdem waren auch damals einige dämonische Kerle,
die mehr zu wissen schienen. Die aber find unbeachtet geblieben oder gerechter¬
weise ins Narrenhaus gekommen. Und wenn einmal Blut floß und Hitze ent¬
wickelt wurde wie auf den Barrikaden von 1848, so war es gleich nachher
wieder nutz= und hoffnungsloser als jemals vorher. So hätten die Alten gedacht