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1. Panphlets, offprints box 36/7
Friedrich Rosenthal, Jungwiener Novellistik.
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trägt das merkwürdige österreichische Antlitz, dessen letzte Rätsel noch immer
unergründet find, und sie hat äußere Züge, denen man ruhig die Worte leiben
kann, die Jean Paul damals über jene Berliner Gesellschaft aussprach: „Ge¬
lehrte, Juden, Offiziere, Geheimräte, Edelleute, kurz alles, das sich an anderen
Orten die Hälse bricht, fällt einander um diese und sitzt wenigstens freundlich
an Eß= und Teetischen beisammen“. Dieser schönen Eintracht hat die deutsche
Romantik viel zu verdanken und auf die Wiener Gesellschaft gewendet,
könnte man als weitere Elemente dieser Harmonie noch anführen: Schauspieler,
die hier sehr wichtig sind, Künstler überhaupt, reiche Kaufleute als Mäzene,
vor allem die Frauen der Salons als geistreicher, liebenswerter und liebens¬
würdiger Mittelpunkt und sogar als Höchstes — Prinzen des Herrscherhauses.
Im ganzen also eine Gesellschaft, die wahrhaftig eine Amalgamierung der
sozialen Enden vorstellt. Dazu kam wie bei jeder derartigen Institution das
Eindringen fremder Einflüsse aus der großen Welt, die Nachahmung ander¬
wärts erprobter Formen und ihre Verschmelzung mit den heimischen. Noch
gab wie immer auch seit jeher in Wien das Französische den Ton an, noch
war das Vorbild der englischen Lebenshaltung, die heute beherrschend ist, nahe¬
zu unbekannt. Der galante Schnörkel triumphierte wie ehedem.
Zuletzt die großen geistigen Ideen aus dem Auslund. Das neue tiefere
Wissen vom Menschen und seiner Seele; Leben und Kunst in naturgemäß
neue Zusammenhänge gebracht; die Literatur zu anderen viel bezeichnenderen
Gestaltungs= und Ausdrucksmöglichkeiten, zu Wahrheit und Mitleid geführt.
Die Probleme und ihre Anschauung wandeln sich. Der Vielheit des Lebens
entspricht eine solche der Kunst und an die Jugend geht der Ruf, hier Be¬
trachter, Empfinder, Selbstsucher zu sein. Die Saat ist ihr gegeben. In Ru߬
land, Skandinavien, Frankreich haben große Dichter sie gestreut und schon
teilweise geerntet. Nun heißt es weiterbauen, auf anderem Boden, unter an¬
deren Sonnen und Menschen und die neue Frucht ins Land hinaustragen.
In seinem letzten Buch „Inventur“ hat Hermann Bahr, schon damals der
Wortführer, Vorkämpfer und Anreger dieser Jugend wunderschön geschildert,
wie ihr ungebärdiges dumpfes Wollen von der neu erwachenden Welt Besitz
ergriff:
„Als diese Generation vor 30 Jahren begann, war man ihres Talents,
ihrer ausführenden Kraft recht ungewiß, aber den Antrieb hatten sie, keiner
unter den jungen Leuten damals hätte auch nur einen Augenblick erst fragen
müssen, was damit anzufangen. Sie stürzten auf die Kunst los, nicht um ihr
ein Werk abzuringen, irgend eine besonders auffällige Leistung, sondern um
durch sie die Wahrheit herzustellen. Um die Wahrheit gieng's ihnen, so hörte
man es damals überall. Die Kunst war ihnen nur ein Mittel zur Wahrheit“.
Auch hier find nicht „alle Blütenträume gereift" und Hermann Bahr, der doch
diese ganze Zeit sich damals schaffend, wirkend, beobachtend und verweisend
mitgemacht hat, muß sich am gedenkreichen Tage ihrer „Indentur“ mit mah¬
nender Resignation sagen, daß die alte deutsche Künstiertragik, den Widerspruch
zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Denken und Sein nicht überbrücken
zu können, auch hier Reifes hemmen und Werdendes vernichten mußte. Der
Otterreichische Rundschau“. XXXVIII., 2