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1. Panphlets offorints
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Friedrich Rosenthal, Jungwiener Novellistik.
heit eine allgemeine Menschheitserscheinung ist und weil sie jedes Land und
jedes Volk und jeder Einzelne auf seine Weise erlebt. Es ist ein Wunder der
Seele, das den ungeheueren Triumphen unseres Verstandes die Wage der
Gerechtigkeit hält. Es ist eine gottergebene Demut und das Bekennen eines
wissenden Aberglaubens. Und es tut ungemein wohl, sich in diesen Zeiten
täglicher Gefahren am Narrenseil der Versuchung hängen zu wissen und sein
Schicksal einem höheren Willen untergeordnet zu sehen. Es soringt sich an der
Hand dieser Erkenntnis leicht über die Entwicklung von einigen hundert Jahren
hinweg und wir kommen wieder zu den Mystikern, vielmehr jene zu uns. Und
so find die „romantischen“ Schauer und der Weg durch die Nachtseiten des
Lebens nicht mehr um ihrer selbst willen da. Es ist nicht mehr das billige
Gruseln, womit man Kindern den Schlaf stört oder die Nervenspekulation der
Kolportageromane. " hat alles seinen besonderen Sinn und steht in der Reihe
großer Zusammenhänge, deren letztes Ende wir nur noch nicht schauen. Hebbel,
der an dem Dämmergefühl dieser Zustände ziemlich bewußt litt, und sie wieder¬
holt aufgezeichnet hat, drückt auf die romantischen Wirkungen gewendet, dies
so aus: „Was in ihr an Wundern und Zauberwirdungen vorkommen darf,
muß auf der tiefen durchschauten Verwandtschaft zwischen dem Mikrokosmus
und Makrokosmus beruhen, es muß auf das wenn auch geheimnisvolle und
doch in sich wohl begründete Ineinanderspielen der beiderseingen Kräfte basiert
sein“. Es ist der ästhetische Leitfaden des Unbegreiflichen, worin wir verstrickt
sind und womit nun gläubig oder absichtsvoll die Dichter operieren. Wie merk¬
würdig ist diese Empfindung, die sich sagen muß: Alles kommt wieder. Hundert
Jahre Entwicklung sind im Grunde kein einziger Schritt nach vorwärts. Wir
bleiben vom Ewigen getrennt und wir sind nur heute wieder aufrichtiger einzu¬
gestehen, was man in den vergangenen Tagen des freigeistigen Liberaltsmus,
an dem Problem der Gottheit achtlos vorbeigebend, sich mit praktischen oder
zynischen Phrosen wegzulügen mühte. Und vielleicht auch damals doch nur aus
dem nicht eingestandenen Angstgesühl des Gegensatzes, der zu den täglichen
Siegen der Vernunft den Abgrund stellen könnte, worin sie stürzen sollen.
Dem Glauben an die Wunder der Seele kam eine Plychologie zu Hilfe,
die ihren Reichtum offenbarte und die über die Peripherie der Dinge hinaus
ins Transzendente, Metaphysische, Kosmische ging. Ihr Wissen holte sie natur¬
gemäß aus der Wissenschaft, und ihr Werkzeug war zunächst und zuoberst
die Methode der Piychoanalyse, deren weitreichenden Einfluß auf die Kunst
unserer Zeit im Allgemeinen und auf die Wiener im ganz Besonderen man
einmal genau feststellen sollte, wie es in Einzelheiten schon geschehen ist. Die
Zentren der Dichterpsyche, Sexualempfioden und Traumleben, die Beziehungen
beider fanden seltsamste und überraschendßte Belichtung. Was in früheren
Zeiten nur dumpf und verworren im Bemußtsein des Schoffenden, was
dieser oder jener wie etwe Grillvarzer oder Hebbel aus dem Unterbewußtsein
mit genialem Instinkt, doch eigentlicher Kenninislosigkeit emporholten, das
war nun durch Siegmund Freuds Theorie in eine logische Form gebracht
und als Traumdeutung wissenschaftlich grundiert. Diese machte es trotzdem nicht
so klar, daß sie den Dingen ihr Geheimnis nahm, sie bettete es nur in den