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1. Panphlets offorints
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Friedrich Rosenthal, Jungwiener Novellistik
die Voraussetzungen und Folgerungen in ihrer Darstellung nicht mehr äußerlich
logisch und schnell verständlich verknüpft werden können, sondern in Zusammen¬
hängen von Wunderhaftigkeit ruhen und so genommen werden müssen. Es ist
auch nicht wie im antiken Drama die Vorstellung eines „äußeren“ Schicksals,
das von allegorifierten Gewalten gestaltet wird, obgleich in der dunkeln Er¬
kenntnis undurchdringlicher Beziehungen und rätselhafter Erscheinungen die
notwendige Fügung und Wendung zum Fatalismus liegen müßte. Diese Welt¬
anschauung ist wieder echt romantisch und sie besteht im Vorhandensein zweier
Richtungen, die sich entweder bekämpfen. oder einträchtig einer Erfüllung zu¬
streben. Die eine ist vom bewußten Wollen geschaffen, die andere vom un¬
bewußten Müssen. Wie sie sich vertragen, zeigt das Resultat der Entwicklung.
Aber die eine ist von der andern nicht mehe zu trennen. So wird das Unsichere
Schwebende, Schwankende, das Staunende und Überraschte zum wesentlichen
Element. Man braucht nur aus Schnitzlers und Wassermanns letzten Werken,
auch aus dramatischen die darauf bezüglichen Stellen herauszuheben und hat sofort
Leitsätze der ganzen Geistesrichtung: „Wir gleiten im Dunkel, wir treiben, wir
spielen. Das Natürliche ist das Chaos! Man soll nichts vorhersagen! Die Seele
ist ein weites Land. Die Welt ist vom Grund bis an den Rand erfüllt mit
den seltsamsten Begebenheiten und die seltsamste wird wahr, wenn man ein
Gesicht sieht, ein lebendiges Gesicht.“ „Oder: Keimen denn alle Samenkörner,
die auf den Acker geworfen werden? Die Narur verfährt darin mit einer Will¬
kür, deren Sinn uns nie enträtselt werden wird. Im Dunkel der Irrungen
sammeln sich die Kräfte für den Erwählten.“ Oder: „Vorsehung spielen! Dieses
Unterfangen wird in jedem Falle mit der härtesten Strafe bedacht.“ „So eng
verkettet werden den Menschen Ursachen und Wirkungen gezeigt und beruft
er sich auf die Erfahrung, so muß unter Umständen auch ein Wunder dazu
dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu überzeugen“ „Bisweilen ist uns, als ob
die steten Dinge an unserer Existenz irgendwie Teil hätten und mit uns leben
und sterben.“ Und endlich: „Wie kompliziert, wie vielfältig, wie unerschöpflich,
wie reich, wie groß ist doch das menschliche Dasein.“
Merkt man nicht an alledem wie wenig Vertrauen und Spielraum dem
Willen eingeräumt wird? Ist diese Ohnmacht nicht troslos und wäre, ihr
nachzuleben, nicht gleichbedeutend mit einem Hindämmern zum Nirwana, mit
einer tatenlosen Erwartung des unausbleiblichen Endes. Wie kommt dieser
Buddhimus in eine Zeit, die der kaltblütigsten mechanischen Zähigkeit und
der unentrinnbarsten Materialisierung voll und fähig ist? Darüber wird noch
wie über ein Wunder zu sprechen sein. Und für diejenigen, die nicht unter¬
liegen wollen, die ihr Schwächegefühl und ihre Ohnmacht niederkämpfend,
zum ersprießlichen, betäubenden Schein eines kräftigen Willens gekommen
sind, gibt es jene „Poilosophie der Fiktionen“ die Hermann Bahr in seinem
wunderbar aufschlußreichen Buch „Inventur“, das wie kein zweites das innere
Panorama unserer Zeit gibt, unter dem Titel „Als ob“ erörtert hat. Schon
Nietzsche hatte „unserer Urbegierde nach dem Schein, unserem Willen zur Täu¬
schung“ die größte Fähigkeit zugesprochen, unser Leben zu gestalten. Das ist
sicher ein besserer Trost als im Dunkel verräterischer Erkenntnisse und unfrucht¬