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1. Panphlets offprints
Friedrich Rosenthal, Jungwiener Novellistik.
baren Suchens zu wandeln wie über schwachgezimmerte Brücken, die einstürzen
und uns mit sich begraben können. Hermann Bahr drückt diese Hilflosigkeit etwa
folgendermaßen aus: „Und so wissen wir schließlich wieder nichts, als was
schon Pascal wußte, daß unser Leben von einer Unwissenheit zur andern geht,
von der natürlichen, in der der Mensch geboren wird, zu der gelehrten, deren
sich der Denkende am Ende bewußt wird. Und nur eine letzte Wahrheit bleibt
uns, daß es keine Wahrheit gibt, nur Tautologien“. So flüchten wir also in
den Schein, von dem ein wesentliches Element die Kunst ist. Das Theater, diese
Welt gesteigertester Unwahrscheinlichkeiten wird zum Symbol der Weltanschau¬
ung. Die Maske als Schleier des künstlichen Geheimnisses zum ersten Ein¬
druck des Lebendigen; Marionetten, drahtgezogene, unfreie Menschenpuppen
zu spielerischen Werkzeugen einer höheren Einsicht und Vorsehung. In der
Kunst selbst wird die hohe Forderung nach Einkehr und Erbauung, nach Ek¬
stase und einem Weitweggetragenwerden laut und lebendig, nach einer Primi¬
tivität, die schon fast wieder wie Raffinement aussieht. Wie anders könnte es
sonst geschehen, daß die Menschen aus dem nüchternsten, zahlengeschwellten
Alltag in religionsähnliche Kunstübungen kommen und schnelle Fähigkeit
dieses unvermittelten Übergangs wenigsten heucheln. Wie anders könnte es
sonst geschehen, daß Menschen von ganz modernem Sinn und raßlosem Fähig¬
keitsdrang, Menschen von echter Wahrhaftigkeit und Redlichkeit sich strebend
mühen über den Alltag hinaus und doch wieder zu ihm zurück ein Verhältnis
zu den höchsten und dunkelsten Fragen des Seins zu finden, einen Gott zu
suchen, der ihren Wünschen und dem Geist der Zeit gemäß ist. Wird es nicht
doppelt wunderbar, wenn man erfährt, daß diese Strömungen gerade aus den
angelfächsischen Ländern, diesen Hochburgen eines ehernen Weltgeistes, kommen
und im protestantischen Norden Deutschlands ihre Saat gestreut haben. Auch
das, und wie sich Glaube und Geschäft, Gott und die Vernunft in unserer
Zeit vertragen, kann man bei Hermann Bahr nachlesen. All dies entfernt sich
schon ganz weit von Wiener Wesen und Weltanschauung. Aber die Einflu߬
sphären, die eine Zeit kürzester räumlicher Entfeinungen auch aus disparaten
Elementen schafft, können nicht übersehen werden. Und wie anders kann es
schließlich geschehen, daß diese Menschen kritischen Verstandes und unbeugsamen
Kalküls an Talismanen und Amuletten, an Merkzeichen des Aberglaubens,
an Träumen und Weissagungen mit der Unbefangenheit eines Kindes hängen.
Es wird darin immer merkwürdiger. Menschen, deren Jugend noch in der
Zeit einer alles aufdeckenden und ernüchternden Freigeistigkeit lag und die
eben aus dieser Erziehung zu Ironikern, ja zu Zynikern wurden, glauben nun
mit einmal, an der Hand der Wissenschaft geführt oder darüber hinaus, an
rätselhafte Beziehungen und Vorzeichen. Auf dem Wege der Übertreibung aber,
die sich in Spiritismus und metaphysischen Spielereien austobt, kommt der
überlegene, humorgesättigte Geist unserer Zeit zum Ziel seines Witzes und
Spottes. Niemals waren Ironie und Paradoxie begehrter und erfolgreicher,
niemals die sattrische Spiegelung menschlicher Zustände belachter, denn in seiner
seelischen Not, im Zweifel und Unwissen quälender Fragen betäubt sich der
Einzelne mit dem harmlosen Rausch vergessenmachenden Lachens oder freut
In Nach allel Gewohnhen zarecht, fül einige wachtige Schrille nach der Tur W
und rief mit seiner Kommandostimme: „Herein!“
19.
anker Mann trat schüchtern ein, verneigte sich linkisch, ver¬