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1. Panphlets offprints
leon gemütlich zu verwienern. Und dann kommt eine Zeit, wo neben „Farcen“ und
„Grotesken“ und einer so bitterbösen Theatersatire wie der „gelben Nachtigall“
(1907) die stoffliche Teilnahme wieder mehr dem Verhältnis der Geschlechter gilt,
von einem Überlegenen angeblich überlegen betrachtet. Das ist die Zeit der Komödie
„Der Meister“ (1903), des Schauspiels „Die Andere“ (1905), der Komödie
„Ringelspiel“ (1907) und des „Konzerts“ (1909). Und diese Zeit klingt bis in die
Gegenwart nach. Die überlegenen Apostelnaturen, die Genies freilich haben
kaum den Wert neuer Menschheitsbilder, mögen sie sich auch als „Meister“
fühlen. Und schlimme Niederlagen bedeuten einige dieser Werke. Der Drama¬
tiker Bahr schien — in Wirklichkeit zog ein Einsamer Betriebsame mit grim¬
migen Späßen auf — mit dem „Ringelspiel“ und der „gelben Nachtigall“ nur
noch den Ehrgeiz zu haben, schamlos und boshaft zu sein. Da aber kam sein
„Konzert“, gewiß kein tiefes, aber sicher Bahrs anmutigstes Werk. Und zu
gleicher Zeit entstanden, aus dem Drange heraus, sein Inneres abzubilden,
seine besten Romane: „Die Rahl“ (1908), „Drut“ (1909) und „O Mensch!“
(1910), der Anfang einer Folge von 12 Romanen, in welcher Bahr die Lebens¬
formen der heutigen Menschheit darstellen will. „Die alten und die neuen
Mächte' nenne ich sie bei mir selbst“ hat Bahr geschrieben. „Mein Wunsch wäre
nämlich, in ihnen darzustellen, welche geistigen Lebensmächte sich heute dem ein¬
zelnen Menschen zu seiner Bestimmung, zu seiner Erfüllung anbieten. Jede
dieser Lebensmächte, dieser Lebensformen soll dort gezeigt werden, wo sie die
besten Bedingungen hat. Nach meinem ersten Plan, den ich freilich in der Arbeit
noch vielfach ändern werde, sollen im ganzen vier dieser Romane in Österreich,
drei im Deutschen Reich, drei ganz international und die beiden letzten im Pro¬
letariat spielen.“ Nur „Himmelfahrt“ (1916) und „Die Rotte Korahs“ (1918)
sind bisher erschienen: diese beiden schon nicht mehr in Wien, sondern in einer
der „Städte seiner Seele“, in Salzburg entstanden. Auch diese Romane sind noch
nicht reine Werke der Darstellung, auch sie sind voll Predigten und Aufsätze, —
aber wie viele deutsche Dichter sind davon ganz frei, können in fragwürdigen
Zeiten davon frei sein! Es liegt Bahr selbst jede Überschätzung fern:
Wer sich so deutlich in den Raum Bauernfelds verwiesen weiß wie ich, sollte vor dem
Verdachte bewahrt sein, sich mit Balzac messen zu wollen; es ist ungefähr, wie mir zu¬
zumuten, ich hätte mit dem „Konzert“ den Sommernachtstraum überbieren wollen ...
Nur meine Welt an innerer Figur will in jenen Romanen erscheinen; sie versuchen mein
inneres Alphabet durchzubuchstabieren. Ich bin zunächst nach dem fünften stecken ge¬
blieben; der sechste, mir ganz gegenwärtig, zögert noch immer. Ich bin ja jetzt endlich so
weit, in allem irdischen Geschehen, überall, ja bis in des Menschen geheimste Tiefen der
letzten Einsamkeit hinein, den Doppelkampf zu sehen: Kampf von Natut und Übernatur
in ihm, aber darüber in den Lüften auch noch den Kampf von Übernatur mit Übernatur
um ihn, der gottestreuen Übernatur mit der abgefallenen, der himmlischen Mächte mit den
dämonischen; und der Kampfpreis ist das Angesicht unserer lieben Erde.
Ruhe und Reife des Alters sprechen aus diesen Worten des unruhigsten aller
„Modernen". Man führe nicht als Gegenzeugnisse die vielen schwankartigen
Komödien ins Feld: halb entstanden in der Fron des Kampfes ums Leben, halb
geboren aus dem Bahrschen Urtrieb, reden, plaudern zu müssen. Wie die Bauern¬
feldschen Lustspiele sollen es „leichtgeschürzte“ dramatische Spiele sein, „harm¬
los“, launig, voll dankbarer Rollen, durch ihren Gesprächsreiz so wirkend, daß
man nicht nach einer „bedeutenden handlung“ und einem festen Bau fragt. Aber
man wende den Blick von diesen Spielen weg zu dem ernsten Schauspiel des
32 Soergel, Dichtung und Dichter.
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Hermann
Bahr