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„Ernstes und Heiteres aus zeitgenössischer
Litteratur“. Herr Salzer besitzt ein sehr
kräftiges und modulationsfähiges Organ, eine
ausserordentlich klare Aussprache und eine
ungewöhnliche Zungengewandtheit, er be¬
herrscht ausser der hochdeutschen Sprache
noch den oberbayerischen und namentlich
den Wiener Dialect ganz vorzüglich, vermag
in seinem lebendigen und ausdrucksvollen
Vortrag die einzelnen Personen durch Wechsel
der Stimmfärbung und des Tempos sehr
scharf zu charakterisiren und zur Kenn¬
zeichnung der Situation eine förmliche Ton¬
malerei auszuführen; er besitzt prächtigen
Humor, weiss aber zugleich dem Ernst und
dem Schmerz ergreifende Töne zu verleihen.
Jeder seiner Vortrüge nahm das Interesse der
Zuhörerschaft in hohem Grade in Anspruch,
jeder war von allgemeinem und lebhaftem
Beifall gefolgt. — Herr Salzer trug — voll¬
ständig frei aus dem Gedächtniss — vor:
„Das Orakel“ von Wildenbruch; „Das Ge¬
witter“, „Bruder Liederlich“ und „Die Musik
kommt“ von Detlev v. Lilieneron; „Die
schöne Frau“ von Hermann Bahr; „Die Ge¬
schichte vom trutzigen Bauer“ den „Regen¬
schirm“, „Wie Gott Vater dem Adam im
Paradiese das Vaterunser lehrt“, „Wie der
Richter einen falschen Zeugen erwischt“ und
„Die Entdeckung von Amerika“ von Rosegger
und „Das Pferd“ von Morgenstern. — Der
erheiterndste Vortrag war „Die schöne Frau“
wo ein junger Mann, um seiner Frau die ge¬
wohnte Bewunderung zu schaffen und in
Schliersee seine Ferien ruhig zubringen zu
können, den dortigen Kirchendiener engagirt.
um für Zehr-, Trinkgeld, Honorar und einen
neuen schwarzen Salonrock die verwöhnte
und nervöse Schönheit durch einige Wochen
„anzuschmachten“; das ergreifendste „Das
Pferd“, wo ein heruntergekommener und an¬
gezechter Wiener Privatier, früher Husar, zu¬
erst mit Wirth und Sicherheitsbeamten Krakeh
bekommt, dann vor einem Droschkengaul
niederfällt, diesem erzählt, wie ihn einst ein
Vollblutpferd durch seine Schnelligkeit vor
dem Tode durch Wölfe gerettet und dabei
eine grosse Narbe an der Hüfte davongetragen
hat. Als der Betrunkene dem Droschkengau
zeigen will, wo diese Narbe gewesen sei, er¬
kennt er in jenem seinen ehemaligen Retter
wieder; in der Selbsterkenntniss, dass er und
das Pferd in gleicher Weise von der Höhe
nach der Tiefe gelangt sind, lässt er sich
ohne Widerstreben von dem Sicherheitswach¬
mann zur Wache führen, wehmüthig den
Pferde noch zurufend: „Servus Pascher!!“
Lübecker General-Anzeiger (3. 2. 1500).
Duch die Heranziehung des rühmlich be¬
kannten Recitators Marcell Salzer aus Wien
zu einem Vortragsabend, der ausschliesslich
der Recitation zeitgenössischer Dichtungen
gewidmet war, hat sich der Verein Lübecker
Journalisten und Schriftsteller ein
entschiedenes Verdienst erworben. Das Lü¬
becker Publikum, das sich keineswegs durch
litterarische Bildung und Interesse auszeichnet
steht, wie es scheint, gerade der modernen
litterarischen Produktion, die doch in vieler
Beziehung höchst interessant ist, ziemlich ver¬
ständnisslos gegeaüber; und eine jede An¬
regung ist hier mit Freuden zu begrüssen.
Es wäre zu wünschen, dass der Journalisten¬
Verein es nicht bei solchen einzelnen Ver¬
anstaltungen bewenden liesse, sondern eine
„Freie litterarische Gesellschaft“ gründete,
wie sie in vielen anderen Städten schon be¬
steht; der Erfolg würde sicherlich nicht aus¬
bleiben. Um Dichtungen durch Recitatior
dem Verständniss des Publikums näher zu
bringen, ist ein solcher Vortragskünstler, wie
Marcell Salzer. so recht der geeignete Mann.
Er hat sich seinen Ruf nicht nur durch seine
declamatorische Fähigkeit verdient, sondern
auch als Herold und Bannerträger der mo¬
dernen Dichtung, namentlich ist es ihm mit
zu verdanken, dass die jungen Wiener Dichter
in weiteren Kreisen Deutschlands bekannt
und gewürdigt worden sind. Dem ent¬
sprechend ist seine Art der Recitation eine
nicht nur technische, sondern wirklich künst¬
lerische; sein Vortrag lässt das Werk des
Dichters nicht, wie es leider häufig bei Reci¬
tatoren geschicht, in effectvoll heraus¬
gearbeitete Einzelheiten zerfallen, wobei die
Anschauung des Ganzen beeinträchtigt wird;
er sucht vor Allem den Charakter und die
Gesammtstimmung wiederzugeben. Dabei ver¬
fügt er aber auch über die technischen Mittel;
er hat seine Stimme zu einem gefügigen
Werkzeug herausgebildet, das die Nüancen
und Tonfall des Dialects, zumal des öster¬
reichischen. Für seine Soiree, die Donnerstag
im Concerthaus Fünfhausen bei sehr gutem
Besuche stattfand, hatte er ein durchaus ge
schmackvolles Programm gewählt, das natur¬
gemass hauptsächlich solche Dichtungen ent¬
hielt, die dem Verständniss des Publikums
nicht allzu fern lagen. Besonders dankens¬
werth war es, dass dies Programm auch Ge¬
dichte von Detlev v. Lilieneron enthielt, des
holsteinischen Dichters, der leider immer noch
viel zu wenig gekannt und gelesen wird.
Wir besitzen in ihm einen Lyriker, der zu
den grössten der Gegenwart gehört — neben
ihm kann man von deutschen modernen
Lyrikern vielleicht noch Richard Dehmel,
Gustav Falke und George nennen. Aber auch
diese Dichter erreichen ihn nicht an Origi¬
nalität des Ausdrucks und an Frische und
Plastik der poetischen Anschauung. Die vier
Gedichte, die Herr Salzer vortrug, „Cincin¬
natus“ „Das Gewitter“. „Bruder Liederlich“
und „Die Musik kommt“, sind jedentalls ge¬
eignet, einen Begriff von dem Charakter seinef
Dichtung zu geben, zumal bei einer so ver¬
ständnissvollen Recitation. Besonders liebens
würdig und stimmungsvoll war der Vortrag
von „Ein Gewitter“
Sehr interessant waren auch die übrigen
Vortragsstücke; meisterhaft wurden besonders
die in österreichischem Dialekt verfassten
frischen Erzählungen Roseggers und die
humoristische Skizze „Die schöne Frau“ des
formal sehr begabten Wiener Schriftstellers
Hermann Bahr vorgetragen. Auch Das
Pferd“ eine interessante Studie von Christian
Morgenstern, der ausser hübschen Gedichten
hauptsächlich durch seine liebenswürdig an¬
muthende Modernisirung Horazischer Oden
bekannt geworden ist, wurde mit grosser
technischer Feinheit und Bravour vorgetragen
und errang stürmischen Applaus, ebenso wie
die bekannte Erzählung „Das Orakel von
Wildenbruch, der als Lyriker und Novellist
ungleich bedeutender ist, als als Dramatiker.
Das Publikum stand von Anfang an unter dem
Banne des Recitators und brachte allen seinen
Darbietungen ein sichtliches starkes Interesse
entgegen, das selbst die im Saale herrschende
unangenehme Kälte nicht zu beeinträchtigen
vermochte.
Lübecker Nachrichten (Eisenbahn-Zei¬
tung 3. 2. 1000). Dem ziemlich zahlreichen
Publikum, welches gestern den vom Verein
Lübecker Journalisten und Schriftsteller ver¬
anstalteten volksthümlichen litterarischen
Abend im Concerthaus Fünfhausen besuchte,
ist nicht zu viel versprochen worden. Es
war in der That ein arssergewöhnlich feiner
geistiger Genuss, den Marcell Salzer’s Reci¬
tation moderner Dichtungen wohl Allen ohne
Ausnahme bereitet hat. Marcell Salzer, der
Ernstes und Heiteres mit gleicher Virtuosität,
namentlich im Punkte der Einzel-Charakteri¬
sirung, recitirt, ist wirklich ein Meister der
Vortragskunst und erntete denn auch all¬
seitig den ausgiebigsten Beifall. Hoffentlich
kommt er bald wieder einmal nach Lübeck;
es wird dann die Gemeinde seiner Zuhörer
sicherlich noch grösser sein.
Mannheim, Neue Badische Landes¬
Zeitung (25. 2. 98). Aus dem Feuilleton
Sudermann s „Johannes“. Der hiesige Journa¬
listen- und Schriftsteller-Verein hat sich das
Verdienst erworben, einem grossen Kreise
von Zuhörern durch einen der bedeutendsten
Recitatoren, Herrn Marcell Salzer aus Wien.
die Tragödie „Johannes“ von Hermann
Sudermann vortragen zu lassen. Herr Marcell
Salzer ist ein Meister der Vortragskunst, voll
Temperament und Feuer, der die Zuhörer in
den Geist der Dichtung einzuführen und an
sich zu fesseln weiss. Seine Stimme ist
sehr modulationsfähig; von den süssen Tönen
der Liebe, die von zarten Mädchenlippen zu
lliessen scheinen, bis zum mächtigen Grollen
des grossen Propheten weiss er sie sicher zu
beherrschen. Die Zuhörer dankten Herrn
Salzer für den gebotenen Genuss durch leb¬
haften Beifall.
Mannheimer Tageblatt (13.3. 98). Herr
Salzer beherrscht das ganze Register der
sprachlichen Empfindungs-Acusserungen. Er¬
schütternd echt klingt bei ihm der Schmerz,
gluthdurchloht malt er die Leidenschaft, aber
noch mehr schätzen wir ihn als Inter¬
preten feinhumoristischer Sachen. Da bietet
er Cabinetstückchen eines kostbaren Charakte¬
risirungsvermögens und seine Hörer um¬
fängt jene behaglich-heitere Stimmung, wie
sie etwa das Lesen Dickens’ hervorbringt.
Vergnügen, Herrn Salzer in Mannheim zu
begegnen.
Mannheimer Journal (25. 2. 08). Hert
Salzer zählt nach seinem gestrigen Meister¬
werk zweifellos zu den besten Recitatoren,
die wir gegenwärtig haben, und wir können
nur dem Wunsche Ausdruck geben, dass es
uns vergönnt sein möge, diesen geistig ganz
hervorragenden Mann bald wieder in Mann
heim zu hören.
Mohrunger Kreis-Zeitung (13. 2. 1900).
Der gestrige Vortragsabend des Herrn Marcell
Salzer aus Wien im hiesigen Litterarisch¬
polytechnischen Verein bot einen Kunstgenuss
ersten Ranges. Obwohl Herrn Salzer der
beste Ruf vorausging, konnte man füglich
sagen, dass unsere Erwartungen doch noch
übertroffen wurden. Das gemüthvolle Ge¬
präge, eine ausgezeichnete, kraftvoll und im
schönsten Verhältniss zum Ausdruck ge¬
brachte Modulation der ausgiebigen Stimm¬
mittel gewannen sogleich die allgemeinste
Sympathie der zahlreichen Zuhörer. Herr
Salzer ist hauptsächlich Vertreter der Mo¬
derne und beweist bei der Auswahl seiner
Vortragsstücke ein tiefes Verständniss für
die Schönheiten der neueren deutschen Litte¬
ratur. Herrn Salzers Domäne scheinen unter
Anderem die zarten innigen, zum Theil mar¬
kigen Dichtungen Freiherrn von Liliencren’s
zu sein, die er mit unerreichbarer, Geist und
Seele athmender Ausgestaltung wiedergiebt.
Hervorragend war gestern die Wiedergabe
von Ernst v. Wildenbruch s „Orakel“ Wie
ergreifend vermochte Herr Salzer den Seelen¬
kampf des Knaben zu charakterisiren. So
vermag es nur ein Vortragsmeister, der neben
Bethätigung seiner Kunst den Widerstreit der
kindlichen Seele bis in die innersten Tiefen
nachzuempfinden weiss. Weitere Kunst¬
leistungen waren die reizende Humoreske
„Die schöne Frau“ von Bahr, „Das Gewitter“
„Die Musik komm: von Lilieneron und „Das
Pferd“ ein tief ergreifendes Wiener Lebens¬
und Sittenbild von Morgenstern. Köstlich
war bei letzterem die Charakteristik eines
echten Wiener Bummlers, der einst bessere
Tage gesehen und nun den Gram im Fusel
ersäuft. Seine nächtliche Wanderung durch
die Gassen Wiens ist mit jenem ernsten Humor
geschildert, hinter dem die Thräne blinkt.
Herr Salzer schuf uns durch seine Kunst
Bilder von plastischer Naturtreue und so
war es nicht zu verwundern, dass alles ge¬
spannt an seinem Munde hing, um bei Schluss
der einzelnen Nummern erst nach einiger
Zeit der Insichaufnahme des eben Gehörten
durch lebhafte Beifallsbezeugungen den Dank
zu äussern. Wir können Herrn Salzer wohl
ein „Auf Wiedersehen“ im nächsten Jahre
zurufen. Dieses erste Mal, da derselbe seine
Kunst in unseren vorgeschobenen deutschen
Osten getragen hat, soll wohl nicht das letzte
Mal sein.
München, Allgemeine Zeitung (30. 10.97).
Herr Marcell Salzer versteht zu charakterisiren
und weiss sich der Eigenart seiner Autoren
anzupassen. Das Publikum zeigte sich für
das Gebotene sehr dankbar.
Münchner Neueste Nachrichten (23.12.99)
Herr Salzer ist ein Künstler in des Wortes
voller Redeutung. Feinsinniges Verständniss
für den Dichter, ein vorzügliches Charak¬
terisirungsvermögen in Stimme und Geberde,
eine glänzende Vortragsweise, unterstützt von
einem wohlklingenden, kräftigen Organ — das
sind die Mittel, mit denen die Natur diesen
Kunstler begluckt hat und die ihm seine
grossen Erfolge sichern. In der rührenden
Wildenbruch'schen Novelle „Orakel“ gab der
Vortragende herrliche Proben tiefempfundener
Seelenstimmungen; er verstand es, den
Figuren dieser Erzählung wahrhaftiges Leben
einzuhauchen, er malte Bilder von ergreifender
Lebenstreue. Die prächtige, effektvolle Wieder¬
gabe der Dichtungen Liliencron's „Gewitter“
und „Die Musik kommt“ bewiesen ferner
Salzers Meisterschaft. Wahre Beifallsstürme
entfesselte die Bahr’sche Humoreske „Die
schöne Frau“ und ein Wiener Lebens- und
Sittenbild „Das Pferd“ von Ch Morgenstern.
Diese letztere grossartig vorgetragene Er¬
zählung schildert in köstlicher Charakteristik
einen Wiener Bummler, ein herabgekommenes
Individuum, das einst auch goldene Tage ge¬
sehen hat und nun seinen Gram über sein
Schicksal im Alkohol zu ertränken sucht.
Die Schilderung, über der ein Strahl von
Romantik lagert, ist besonders reich an tragi¬
komischen Scenen. Die meisterhafte Inter¬
pretation Salzers, der alle diese Momente zur
ür
Kaufmännis
Reihe seiner
unter äussel
Herr Marcel
tungen zeit
ebenso glüc
erkennenswe
Art, in wel