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2. Cuttings box 37/2
stehens seinen Mitgliedern und den sonstigen
Besuchern auf dem Gebiete der Technik,
Wissenschaft und Kunst schon mancherlei
Gutes geboten. Die Recitationsvorträge vom
letzten Sonnabend haben jedoch selbst hoch¬
gehende Erwartungen weit überholt. Die
Salzwedeler Bürgerschaft hat in den beiden
letzten Jahrzehnten wohl zehn bis zwölf
Recitatoren zu hören Gelegenheit gehabt, da¬
runter Namen von bestem Klange, wie
einen Palleske, Türschmann, Strakosch,
Schmidt-Häsler. Aber der junge Wiener
Recitator Marceli Salzer, der für den ge¬
nannten Abend von dem Vereinsvorstand ge¬
wonnen war, hat den Zuhörern künstlerische
Leistungen zu bieten verstanden, die in ihrer
Gesammtheit von keinem einzigen der hier
Gehörten übertroffen worden sind, vielmehr
den allerbesten Darbietungen sich gleichwerthig
erwiesen, ja die meisten weit hinter sich
zurückgelassen haben. Der grössere Theil
der Recitatoren pflegt von der Bühne zu
kommen und vermag diesen Ursprung auch
beim Vortrag epischer und lyrischer Dicht¬
ungen oder bei der blossen Recitation dra¬
matischer Partien nicht zu verleugnen. Sie
geberden sich auf dem Podium, als ob sie
die weltbedeutenden Bretter unter ihren Füssen
hätten; sie sprechen nicht, sie spielen, trotz
modernstem Gesellschaftsfrack, und möchten
dem Zuhörer einbilden, dass ein Männer¬
organ durch Fisteln zu einer Frauenstimme
und damit zugleich das bärtige Männergesicht
zu einem Jungfrauenantlitz, zu einem Grethchen,
einer Ophelia, würde. Für Herrn Marcell
Salzer musste von vornherein die Thatsache
einnehmen, dass sein umfangreiches Programm
auch Stücke des Alten Testamentes umfasste,
und dass er mit ihrem Vortrage nach Ausweis
vieler Kritiken eine höchst andachtsvolle
Stimmung zu erzielen vermag. Das beweist,
dass dieser Recitator aller schauspielerischen
Verstiegenheit abhold sein muss. Und das
hat er auch am hiesigen Vortragsabend durch¬
aus bewährt — praktisch und theoretisch.
Ja, auch theoretisch. Ich hatte in der Pause
Gelegenheit, meine Gedanken über die Reci¬
tationskunst mit ihm auszutauschen, und ich
habe meine Freude daran gehabt, wahr¬
zunehmen, mit wie klarem Bewusstsein er von
Anfang an die besondere Aufgabe seiner
Kunst, die er erst vor vier Jahren zum Lebens¬
beruf erkoren, erfasst hat. Es hat zu allen
Zeiten grosse Schauspieler gegeben — grosse
Recitatoren muss man mit der Diogenes¬
laterne suchen. Herr Salzer ist einer. Dazu
reicht natürlich nicht hin, dass er jene Klippe,
woran schon so viele gescheitert sind, ein¬
sichtsvoll vermieden hat. Es müssen noch
positive Vorzüge hinzukommen. Es giebt
Recitatoren, die, mit ungewöhnlichen Stimm¬
mitteln ausgerüstet, sich darauf viel zu Gute
thun und sie möglichst geltend zu machen
sich angelegen sein lassen. Gewiss kann
damit ein bestrickender Reiz auf das Ohr
ausgeübt werden, aber wenn schon bei der
Musik mit diesem rein physischen Zauber
noch lange nicht Alles gethan ist, so noch
viel weniger bei der Nachschaffung eines
dichterischen Gebildes. Man kann nicht ge¬
rade sagen, dass das Organ des Herrn Salzer
an und für sich schon etwas besonders Ein¬
schmeichelndes besässe; aber er beherrscht
es in allen Schattirungen mit vollkommener
Sicherheit, und er weiss — und das ist die
Hauptsache und macht ihn eben zu einem
seine Stimmmittel auf's
wahren Künstler
wirksamste in den Dienst der ldee der je¬
weiligen Dichtung zu stellen, die er für einen
theilnehmendlen Kreis aus dem Gebite des
Auges (die Poesie wird uns ja vorzugsweise
in Buchform geboten) in das Gebiet des Ohres
zu übertragen sich bemüht. Man merkt es
dabei dem Ganzen und allem Einzelnen an,
dass er aus den betreffenden Dichtungen ein
ernstes, eindringendes Studium gemacht hat,
und dass ein gutes Stück Dichternatur in ihm
selbst lebt und webt. Und beides zusammen
hat ihn zu einem feinsinnigen Ausleger und
Vortragsabend war von dem Vorstand des prickelnde Humor der Wiener Dialectdich¬
Vereins ursprünglich als eine etwas ver¬
tungen, wie der tragische Ernst anderer zum
spätete Goethe - Gedenkfeier geplant. Dieser
Vortrag gebrachter Piecen — jede Stimmung
Plan ist hinterher, wenn auch nicht ganz auf¬
und jedes Empfinden brachte der Künstler
in einfacher naturwahrer Weise, und stets
gegeben, so doch erheblich geändert worden,
getragen von tiefdurchdachter und vornehmer
und das war aus verschiedenen Gründen gut.
An den alten Plan erinnerten noch die drei
Auffassung zum Ausdruck. Der Beifall, der
dem talentvollen Recitator nach jedem ein¬
ersten Vorträge: „Goethes Zueignung“, „Wir¬
kung in die Ferne“ und „Der getreue Eckart“.
zeinen Stück, wie besonders am Schluss des
Vortrags entgegenschallte, war ein reichlich
„Die Zueignung“ war an dem ganzen Abend
verdienter. Herr Marcell Salzer wird hier,
die einzige Darbietung, die trotz einzelner
wie überall, wo er einmal aufgetreten ist,
guter Momente meinen Beifall nicht zu finden
stets ein gern wiedergesehener Gast sein.
vermochte: der Vortrag schien mir nicht
schlicht genug und hatte einen kleinen Stich
ins Sentimentale. Ich habe es Herrn Salzer
Melodram-Vortrag „Enoch
nicht verschwiegen, und er gab mir Recht:
er selber sei mit dieser Leistung nicht zu¬
Arden.“
frieden; er habe zu dieser Dichtung noch
Stassfurter Zeitung (12. 1. 1900). Der
nicht das rechte Verhältniss gewonnen. Die
grosse Kremmling’'sche Saal gefüllt bis auf
beiden folgenden Balladen wurden aber meister¬
den letzten Platz, das ist für Veranstaltungen
haft vorgetragen und sind mir seit jenem
zur Darbietung wirklicher Kunstgenüsse ein
Abend erheblich lieber geworden, als sie es
Ereigniss, wie man es hier nur selten zu er¬
bis dahin waren. Den übrigen Theil des Pro¬
leben Gelegenheit hat. Und diese Versamm¬
gramms bildeten Prosa- und Versdichtungen
lung, sehr pünktlich zur Stelle, — rühmend
von Wildenbruch, Bahr, Lilieneron und
sei es anerkannt, lauschte in lautloser Stille
Rosegger. Dem Zuhörerkreise wird wohl das
dem Künstlerpaar, das, gleichsam in einander
Meiste hiervon, gar manchem sogar Alles bis
verwachsen, die reichen Saiten seines
dahin unbekannt gewesen sein, und man wird
Könnens in fortschreitender Gestaltung ent¬
dem Spender für diese litterarische Be¬
faltete: das war kein Vortrag mehr, unter¬
reicherung innerlich Dank gewusst haben;
stützt durch Clavierspiel, das war Leben,
für den künstlerischen Genuss, den seine
köstlich wahres Leben, in jedem Wort, jeder
hervorragende, ausserordentlich plastische
Miene, jeder Geste, jedem Ton, das die an¬
Vortragsweise den Lauschenden bereitet hat,
dächtig lauschende Gemeinde gefangen hielt.
haben sie ihrem Dankgefühle auch äusserlich
wie in magischem Zauber, Leben aus dem
immer von Neuem Ausdruck verliehen.
Leben, das in der Wiederspiegelung der
Kicherndes Behagen begleitete die humo¬
seelischen Affecte das Herz erbeben liess in
ristischen Vorträge, und lebhafter Beifall folgte
allen Fasern und in der Scenengebung tiefsten
mit Ausnahme des ersten Gedichtes jeder ein¬
Seelenleidens auch Starken unwillkürlich die
zeinen Nummer. Ich habe nur höchst selten
Thränen in die Augen drängte. Solch einen
einer Versammlung beigewohnt, wo sämmt¬
Zauber muss man mit erleben, um ihn ver¬
liche Anwesende, ob Alt oder Jung, ob Mann
stehen zu können, beschreiben lässt sich die
oder Weib, dem Sprecher von Anfang bis zu
Situation doch nur schlecht; ermöglicht wird
Ende die ungeschwächte Aufmerksamkeit wie
sie, wie gesagt, nur dadurch, dass Meister
hier zugewandt hätten. Man muss dringend
in ihrem Fache sich als Meister geben. Und
wünschen, dass sich Gelegenheit finde, Herrn
als solcher verfügt Herr Marcell Salzer in
Salzer noch öfter in unserer Stadt zu hören.
erster Linie über ein ausreichendes Organ,
Schleswiger Nachrichten (26. 1. 98).
das ohne jede Einbusse den schrillsten
Die ausserordentliche Schärfe der Charakteri¬
Wechsel der Modulation gleichsam spielend
sirung, die malerische, alle Schönheiten des
überwindet und erträgt. Was den Vortrag
Stoffes auf's Schärfste herausarbeitende, den
selbst anbelangt, so ist jede Nuance sorg¬
Hörer bezwingende, oft überraschende Vor¬
fältig ausgefeilt, das Pathos edel wohltönend,
tragsweise Salzer’s brachte alle Vortrags¬
Lachen, Weinen, Seufzen Natur und daher
stücke zur vollsten Wirkung, die sich in dem
von packender Wirkung.
Und nun sein
wiederholten Beifall äusserte. Die Hörer
Partner Herr Lehrer Giese. Wie ein Zephyr¬
wurden offenbar immer wärmer, und sie
Hauch schweben die Accorde durch den
wurden ganz in Banden geschlagen, als
Saal, die Scenenmalung ergänzend, ab und
Herr Salzer nach der Pause ganz köstliche,
zu in gewaltiger Wucht. Trotzdem die
wenn auch eigenartige, von einer eigenthüm¬
Scenenmalung in dem Melodrama „Enoch
lichen feinen Picanterie durchzogene, hier ge¬
Arden“ zu einem grossen Theil von Com¬
wiss kaum Jemand bekannte Erzeugnisse der
ponisten der Musik zugewiesen ist, bliet
Wiener Moderne zum Vortrage brachte. Mit
Herrn Giese’s Mitwirkung vornehm decent
dem Bewusstsein, von einem ausserordent¬
und doch die Situation ruhig beherrschend.
lich gewandten Plauderer vortrefflich unter¬
Nur dadurch, dass der Beamtenverein als
halten worden zu sein, gingen die Zuhörer
die erste Bedingung des Recitators, einer
heim, wohl alle mit dem Wunsche, dass
tüchtigen, feinfühligen Clavierspieler zu stellen
Herr Salzer, wenn er mal wieder nach
in der Person des Herrn Lehrer P. Giese se
Schleswig-Holstein kommt, an Schleswig
glänzend erfüllen konnte, ist auch die
nicht vorübergehen möge. Herr Salzer, der
Premiere des Melodramas „Enoch Arden“
überall in Schleswig-Holstein mit durch¬
hier vorzüglich ausgefallen. Der Beamten¬
schlagendem Erfolg gelesen, wird wohl im
Verein Stassfurt-Leopoldshall aber
nächsten Jahre seine Vortragsreise fortsetzen,
hat seinen Mitgliedern und Gästen einer
und so verabschieden wir uns von dem
Kunstgenuss allerersten Ranges verschafft
liebenswürdigen Wiener mit dem Rufe: „Auf
der noch lange anhalten wird.
Wiedersehen!“
Stettiner Morgen- und Abend-Zeitung
Schneeberg: Erzgeb. Volksfreund (20.1.
(19. 1. 98). (Recitation des Märchendramas
1900). Der gestern vom Kaufmännischen
„Die versunkene Glocke“ von Gerhart Haupt¬
Verein veranstaltete Recitationsabend hatte
mann.)
Herr Salzer hatte sich aber
ein zahlreiches Publikum von Mitgliedern
eine grössere und schwierigere Aufgabe, die
und Gästen angelockt, welches den im
Charakterisirung des Glockengiessers selbst
Voraus vielgerühmten Leistungen des Reci¬
gestellt. Mit tiefer Empfindung und wirkungs¬
tators Marcell Salzer aus Wien mit gespannter
voller Steigerung — im Tonfalle und in der
Erwartung entgegensah. Waren dem Verein
Phrase lebhaft an Kainz erinnernd — brachte
in früheren Jahren bei ähnlichen Veran¬
er seine Worte zum Ausdruck und wusste
staltungen verschiedentlich sehr mässige
uns wirklich zu fesseln.
Kunstleistungen geboten worden, so hat Herr
Ostsee-Zeitung (Stettin, 2. 3. 99). Herr
Marcell Salzer den ihm vorangehenden Ruf
Salzer leistet in der That Bedeutendes. Erhatein
als echter Künstler in seinem Fache in
volltönendes, kräftiges. sehr modulationsfähiges
glänzender Weise gerechtfertigt. Eine von
Organ und ist dadurch in der Lage, allen
jedem comödiantenhaften Pathos freie Vor¬
von der der tiefernsten an hin¬
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