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fin
Wie eine Erlösung aus einem schweren
Wüdentweil: Allg. Anzeiger von Dürich¬

Traum wirkte zum Schluss die Humoreske
see (5. 9. 1800). Salzer’s Vorträge boten uns
starkes Gefühl und ein reiches Innenleben
„Die schöne Frau“ von Hermann Bahr, die
bilden ihren Kern.
einen künstlerischen Genuss, wie wir ihn
der Recitator mit all der Schalkhaftigkeit und
selten zu hören bekommen.
Der Lesezirkel Hottingen, der den
guten Laune vortrug, die den Wienern, wenn
Winterthur: Neues W. Tagblatt (10 10.
Zürichern vor zwei Jahren Rosegger lebendig
sie sich den Charakter durch die Politik
00.) Wir hoffen, dass der reiche Erfolg seines
und leibhaftig hercitirte, hat es nun über¬
nicht verderben lassen, eigen sind.
Debüts Herrn Salzer veranlassen wird, uns
nommen, Vermittler einer ganz neuen, eigen¬
Herr Salzer hätte die beinahe zwei
auch in Zukunft mit seinem Besuche zu be¬
artigen und reizvollen Bekanntschaft zu
Stunden dauernde Reihe von Vorträgen nicht
ehren. Herr Salzer ist in der That ein Reci¬
werden. „Jung-Wien“, die Elite der modernen
besser abschliessen können, und wenn
tator von ganz hervorragender Begabung und
Wiener Poeten, soll uns vorgeführt werden,
er, wie wir hoffen, nach Solothurn zurück¬
von einer so vollendeten Schulung, dass die
und Marcell Salzer, ein geistvoller Feuilletonist
kehrt, möge er uns wieder etwas so echt
Sicherheit und Natürlichkeit, mit der er die
und congenialer Recitator in einer Person,
Wienerisches als Zugabe zu seinen ernsten
Gefühle, Stimmungen und Sprache der ver¬
wird am nächsten Montag Abend uns mit
Darbietungen bescheeren.
schiedenartigen Gestalten seiner Darbietungen
jener anmuthvollen Kraft, die man ihm aller¬
St. Gallen, Ostschweiz (13. 1. 90). Herr
orten nachrühmt, in das neue Wien entrücken,
zum Ausdruck bringt, kaum mehr die
Marcell Salzer besitzt eine aussergewöhnliche
Schwierigkeit der Kunst ahnen lässt, die dem¬
in die Stadt Hermann Bahr's, Arthur
Schnitzler’s, Peter Altenberg’s.
Modulation der Stimme und grosse Voll¬
selben zu Grunde liegt Allerdings hat die
endung in der Application auf seine Sujets
Dieses neue litterarische Wien, wie ver¬
Natur auch Herrn Salzer Alles gegeben, was
verbunden mit köstlicher Mimik. Es liegt in
schieden ist es doch von dem alten! Was
für einen vollendeten Recitator von Nöthen
ihm ein tief angelegter Humor, der oft ohne
haben diese müden, aufgeregten, nerven¬
ist: ein höchst sympathisches, vollklingendes
Präludien als richtiger Schalk hervortritt.
streichelnden und empfindungsschaukelnden
und modulationsfähiges Organ, das, ver¬
Tageblatt der Stadt St. Gallen (20.0.99).
bunden mit einem lebhatten und ges hmeidteen! Poeten mit Grillparzer, mit Bauernfeld, mit
Für Humor wie Tragik, für das stolze Pathos
Anzengruber zu thun? Suchen sie uns nicht,
Naturell ihm erlaubt, in dramatischen
Schiller'scher Diction wie für die Gewalt
der Eine auf diese, der Andere auf jene
Schöpfungen die Stimmen der verschiedenen
elementarer Laute in einem „Pidder Lüng“,
Weise, den# modernen Menschen darzustellen,
Charaktere, alten wie jungen, männlichen wie
für Selbstironie und graciöses Spiel wie für
statt altmodischer Ideale, der Eine, indem er
weiblichen täuschend nachzuahmen, ohne je
tief in die eigene Brust greift und uns seine
die verhaltenen Töne der Schwermuth und
in Carricatur oder Uebertreibung zu ver¬
geheimsten Seelenschwingungen mitmachen
Sehnsucht hat der Künstler ein Organ, und
fallen. Gleich der Vortrag der ersten Nummer,
lässt, der Andere, indem er uns Alles, was
seine Seele ist einem feinen und zarten In¬
„Das Orakel“ von Wildenbruch, war eine
modernes Grossstadtieben zu Tage fördart,
strumente gleich, dem sich auch die ge¬
Glanzleistung und der Eindrück, unter dem
heimsten Schwingungen des dichterischen
vor die Augen führt? Doch gemach, ein
das Publikum nach Anhörung dieser Novelle
Gemeinsames ist geblieben! Mögen sien die
Empfindens mittheilen. Es ist wie eine
stand, war ein so überwältigender, dass es
Offenbarung, wenn Salzer eine vielleicht un¬
Jungen so realistisch und neuartig gebärden,
einiger Zeit bedurfte, bis der Bann gebrochen
wie sie wollen, mag die litterarische Physio¬
scheinbare Strophe aufblühen lässt, wie ein
und ein rauschender Applaus seiner Be¬
gnomie des Einen der des Andern noch so
Aschenbrödel im Märchen — Alles glänzt
wunderung Ausdruck zu verleihen vermochte.
unähnlich sein, es ist Wiener Sonne, die auf
und leuchtet und ist junger, süsser Schön¬
Nicht minder dankbar zeigten sich die Zu¬
sie Alle scheint, und die hat gar ein mildes,
heit voll. Nur reife Kunst vermag so mit¬
hörer für die Recitation von sechs Liliencron¬
verklärendes, versöhnendes Licht, das Licht
zutheilen, nur eine geradezu dichterische
Gedichten Man gewann sofort den Eindruck,
der Schönheit.
Natur so zu empfangen, dass der Einsatz
in Herrn Salzer den denkbar besten Interpreten
Ein bekannter Wiener Feuilletonist be¬
allen Fleisses sich derirt reich in der Wieder¬
dieser neuen Schule vor sich zu haben. Ja,
hauptete einmal, wenn das Publikum der be¬
gabe äussern kann.
da war Alles neu in diesen Gedichten, Form
rüchtigten Wiener Verbrecherspelunken zu
St. Galler Stadt-Anzeiger (29. 9. 90).
und Inhalt, in den ernsten wie in den
tanzen anfange, sehe es edel und anmuthig
Salzer’s Kunst hat nichts mit der süsslichen
heiteren, aber Tragik, Gemüth, Tiefe und
aus, trotz aller inneren Rohheit. Darum
Lyrik der Romantik gemein; es ist ein
sprudelnder Humor, Alles wurde vom Reci¬
giebt es keinen österreichischen Naturalismus
ingendstarker Realismus mit dem kräftigen
tator so wahrheitsgetreu, so unmittelbar und
im norddeutschen Sinne, wird es nie einen
Erdgeruch der modernen Zeit.
plastisch dargestellt, dass sich dem Neuen
geben. Im tiefsten Grunde werden dem
Thun: Täglicher Anzeiger (27.2.1900).
gleich willig alle Herzen öffneten und man
Schweizer die meisten Erzeugnisse des nord¬
Als Glanznummer des Abends darf wohl
unmerklich von tiefster-Erschtitterung zu
deutschen Naturalismus unverständlich sein,
Ernst von Wildenbruch's—#övelle „Däs
höchster- Lust-hinübergeleitet wurde.
weil sie auf einer hier unfassbaren Schroff¬
Orakel algeschen werden. Der Dichter
Wie tief tragisch wirkte „Pidder Lüng“
heit der Standesunterschiede beruhen. Das
fordert den Leser auf, einmal niederzu¬
und wie lachte Herz und Mund beim „Ge¬
tritt in Oesterreich, wie im Süden überhaupt,
schreiben, was ihm im Laufe einer schlaf¬
witter“, waren das Bilder und Töne und
viel mehr zurück, das allgemein Menschliche
losen Nacht mit greifbarer Deutlichkeit vor
Weisen, so neu und doch so traut, so innig,
viel mehr hervor. „Menschen, Menschen san
die Seele tritt. Längstvergessene Bilder aus
so einschmeiehelne, wie man ähnliche noch
mer Alle“, heisst’s in einem beliebten Wiener
der Jugendzeit ziehen an seinem geistigen
nie gehört hatte.
Gassenhauer, und die Durchführung eines
Auge vorüber, eine bunte Gallerie von dahin¬
Neue Züricher Zeitung (8. 1. 99). Aus¬
gleichmüthigen, oft nur zu nachsichtigen
gegangenen und verschollenen Freunden und
zug aus dem Feuilleton „Jung-Wien in
Humanitätsprincips lässt den Oesterreicher
Bekannten und mit ihnen verknüpfter Er¬
Zürich“ (Zum litterarischen Abend des
milde und versöhnlich auch im Verkommensten
innerungen, Eindrücke und Begebenheiten be¬
Lesezirkels Hottingen). Wien! Mag man
das rührend Menschliche entdecken. Wenn
herrschen in unheimlicher Deutlichkeit sein
auch hier zu Lande manchmal das Haupt
las nun im Allgemeinen ein Fehler sein mag,
Bewusstsein. Auch dem Dichter ist in einer
schütteln, wenn von politischen und natio¬
dem Dichter steht es wonl an. Ist es doch
schlaflosen Nacht eine solche Gestalt wieder
nalen Verhältnissen Oesterreichs die Rede ist,
das schönste Wort, das Gottfried Keller aus¬
erstanden. Die merkwürdige, die Lachlust
dem Zauber, den österreichische Kunst und
gesprochen: „Selbst der Unhold ist mit einem
und Bosheit der übermüthigen Knaben heraus¬
Dichtung auf Jeden ausüben, vermag sich
goldenen Bändchen an die Menschheit ge¬
fordernde Situation, in welcher er seinen ge¬
fesselt.“
Niemand zu entziehen. Es ist ja auch da
quälten, verspotteten und heimwehkranken
Vieles so anders, so fremdartig! Meist zu
So haben wir denn auch von „Jung¬
Kameraden „Mops“ zum letzten Male sieht
üppig, zu farbenprangend; „luxuriöse Schön¬
Wien“ das Schönste zu hoffen, besonders,
und deren ernste Folgen lieferten dem Dichter
heiten“ nannte einnal ein Engländer die
da es bei uns einen Interpreten findet, wie
den Stoff zu der ergreifenden Novelle. Wie
Wienerinnen, und dies Wort gilt auch von
Marcell Salzer. Bei dem jungen, nervösen
oft begegnen wir in der Litteratur aller
der schönsten, cocettesten Frau Wiens -
Wienern schwankt und wankt Alles. Darin
Völker (z. B Dickens, Alphonse Daudet u. a. m.)
der Wiener Muse. Aber die süsse, stolze
besteht eben ihre grosse Kunst, dass sie das
der pathetischen Gestalt des verstossenen,
Anmuth, mit der sie sich bewegt, der feine
Huschen von Licht und Schatten der Stim¬
ausgelachten und unverstandenen Kindes,
Geschmack, mit welchem sie alles Bunte zu
mung festzuhalten verstehen, und darin be¬
das seines tiefen Gemüthes wegen so schwer
augerquickender Harmonie ordnet, erobert ihr
steht die Eigenart Marcell Salzer’s, dass er,
leiden muss und seinen Jammer Niemandem
alle Herzen viel schneller, als ihrer steiferen,
gleichsam ein zartes, bei der leisesten Be¬
klagen kann.
mageren und gesellschaftlich gewandteren
wegung mitschwingendes Instrument, jede
Toggenburger Anzeiger, Wattwil (31.3.
norddeutschen Schwester Oft wechselt sie
scelische Berührung in Töne übersetzt. Dabei
— Rs waren zwei Stunden geltensten
1000).
das Kleid, bleibt aber immer dasselbe liebe,
ist dieser „kleine Wiener mit den geist¬
Hochgenusses, die Marcell Salzer dem
verwöhnte, grosse Kind, das nicht erst, wie
sprühenden Augen“ ein feiner Kenner der
lauschenden Publikum mit seiner Kunst be¬
es sich gebührt, an die Thür klopft, sondern
modernen Litteratur; die eleganten kleinen
reitete. Ein Theil seines Erfolges liegt in
sie mit frischem Lachen aufreisst, ein herziger
einleitenden Charakteristiken, die er voraus¬
der gelungenen Stoffauswahl, der bedeutendere
vertrauter Gast.
schickt, sind Meisterwerke des Stils, anregend
jedoch in dem dichterischen Empfinden und
Der wienerischsten aller Künste, cer
und belebrend zugleich. Und mit geschickten
seiner phänomenalen Beherrschung des Sprach¬
Musik, haben Wiener Baumeister hier in
Händen versteht er es, durch kleine
organs. Was Salzer spricht, hat Seele,
Zürich das Theater und die Tonhalle erbaut,
Streichungen alles Anstössige aus seinen
Temperament, pulsirendes, warmes Leben, ist
besonders letztere trägt lustig und prunk¬
Texten zu entfernen, wobei der geschmack¬
begleitet von ausdrucksvollem Mienenspiel,
voll ganz den österreichischen Charakter.
volle Mann sich wohl hütet, seinen Dichtern
wird bisweilen bekräftigt durch eine der
Und längst auch hielten neben der Wiener
in irgend etwas Wesentlichem, in ihrer Eigen¬
spärlichsten aber abgemessensten Gesten und
Musik und dem Wiener Tanz Vertreter öster¬
art, Abbruch zu thun.
hält den Zuhörer fortwährend im Banne der
reichischer Dichtung in unserem Theater
Salzer stellt J. J. David an die Spitze
Bewunderung festgewurzelt.
ihren Einzug. Vor Allem der vornehmste,
seines Programms, einen schwermüthigen
Troglu: Appenzeller Landeszeitung
der älteren Richtung angehörige Grillparzer,
Romantiker, der noch der ältern Periode an¬
(4. 10. 00). Die Zuhörerschaft wird den
unter dessen classischem Faltenwurf ein so
gehört und hier kaum „anfremden“ wird,
Recitationsabend des Herrn Salzer noch lange
heisses leidenschaftliches Herz schlägt. Auch
trotz seiner ausgesprochenen Individualität.
in dankbarer Erinnerung behalten.
Anzengruber ist über unsere Bühne gegangen,
Anders dürfte es mit Peter Altenberg und
Uster: Bote von Uster (4. 1. 1000).
wenn man auch diesen gewaltigen Dra¬
Hermann Bahr gehen. Dieser, der Schöpfer
Der grosse Saal zum Usterhof war bis auf
matiker hier noch lange nicht aus seinen
der Wiener sublimirten Litteratenlitteratur“.
den letzten Platz besetzt. Mit staunens¬
besten Werken kennt. Und doch ist er, wie
der das Flackern und Flimmern des Innern
werther Virtuosität wusste der Wiener
sein Freund Rosegger, unter den öster¬
impressionistisch festzuhalten versucht, jener
Künstler seine zahlreiche Zuhörerschaft vollej reichischen Dichtern am meisten im Stande,ein vornehmer Zeichner, der bei den Jananern
von
formur
dessen
sche“
Alles
Hugo
seltsan
sche