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2. Cuttings
ite Saiten
und Franzosen in die Schule gegangen ist;
rmen sich
aber solche fremde Einflüsse haben in Wien
schlichtes,
von jeher eine specifisch wienerische Um¬
formung erhalten und so sieht Altenberg. aus
nnenleben
dessen feinem Skizzenbuch „Wie ich es
der den
sehe“ etwas zur Vorlesung gelangen wird,
Alles auf seine eigene, vornehme Weise.
lebendig
nun über¬
Hugo von Hoffmannsthal (Loris), dessen
en, eigen
seltsam verschollene Parfüms unsere an
schaft zu
frische Schweizerluft gewöhnte Nasen sonst
modern
arg gekitzelt hätte, ist durch all das Vorher¬
gehende genügend vorbereitet; schon die Zu¬
verden
sammenstellung des Programms zeigt von
lilletonis
einer geschickten Hand, die uns nach und
nach in ein Land voll unbekannter reizender
Träume vorsichtig hinüberschaukelt. Den
Schluss bilden Arthur Schnitzler's „Weih¬
nachtseinkauf“, die feine Studie eines subtilen
Seelenmalers und G. Morgenstern's „Das
Pferd“. Diese Nummer bildet den Glanzpunkt
der Recitation, weil sie Herrn Salzer erlaubt,
seinen ganzen Humor und einen reichen Ge¬
müthsinhalt hineinzulegen.
Möge Niemand, dem Gelegenheit geboten
ist. Montag oder Mittwoch Herrn Salzer zu
hören, es verabsäumen, sich von der weichen
lauen Welle der Wiener Dichtkunst umspülen
und umplätschern zu lassen. Wie seltsam
ihm auch Manches vorkommen mag,
die
Helden Schnitzler’s, die ihre Krankhaftigkeit
nicht verlieren wollen, weil eine gesunde
starke Seele so gewöhnlich ist, oder die
kleinen Mädchen Altenbergs, die kaum eine
züricherische Primar- oder Secundarschule
er wird dennoch
besucht haben können,
bereichert von dannen gehen. Nur indem
man mit fremder Eigenart in Berührung
kommt, lernt man die eigenc verstehen und
schätzen. Was Marcell Salzer, dieser feine
Sprechkünstler und Meister des Dialogs, uns
Brauchbares geben kann, sollten wir mit
willigen Händen und dankendem Herzen
nehmen. Vom Unbrauchbaren mag aber
gelten, was eine kluge und feine Schweizerin
treffend und drastisch einmal so ausdrückte:
„Was nicht zu uns passt, schadet uns auch
nichts. Das läuft Alles herab, wie Wasser
Dr. Alex Ehrenfeld.
an einer Gans.“
Neue Züricher Zeitung (10. 1. 99). Der
dritte litterarische Abend des Lese¬
zirkels Hottingen war den Poeten des
modernen Wien gewidmet und als ihr Inter¬
pret stellte sich Marcell Salzer aus Wien, für
Zürich ein homo novus, vor. Marcell Salzer
hat mit dem Rhapsodenthum und dem schau¬
spielerischen Apparat der früheren recitirenden
Künstler vollständig gebrochen, ein Mann
von etwa dreissig Jahren, giebt er sich in
ansprechender Modernität. Als Einleitung bot
er in sprühender Plauderei eine Charakte¬
ristik des gegenwärtigen Litteraturlebens von
Wien und seiner bedeutendsten Vertreter, ein
Bild, das sich wesentlich mit dem deckt, das
letzten Samstag als Vorbereitung für diesen
Abend im Feuilleton unseres Blattes er¬
schienen ist. In einer Reihe von Recitationen,
die zwischen den dunklen Tönen tiefsten
Weltschmerzes und dem Geklingel über¬
müthigen Humors hin- und herschwebend den
Stimmungsgehalt des modernen Wiener Lebens
mit dem ganzen Schmelz österreichischer
Schwermuth, mit der ganzen Anmuth
wienerischen Leichtsinns wiedergaben, führte
er die Musen J. J. David’s, Peter Altenberg’s,
Hermann Bahr’s, Hugo von Hoffmannthal’s,
Anton Lindner’s, Arthur Schnitzler’s und
Chr. G. Morgenstern’s in charakteristischer
Auswahl ihrer poetischen Werke vor. Durch¬
bebten die Strophen J. J. David’s und Hugo
von Hoffmannthal’s ergreifende Klänge der
Entsagung, die man nie und nimmer aus
dem lebenslustigen Wien erwarten würde, So
gewann in der Humoreske „Die schöne
Frau“ von Hermann Bahr, in Schnitzler’s
Dialog „Weihnachtseinkäufe“ und dem Lebens¬
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und Sittenbild „Das Pferd“ von Morgenstern
jenes legendäre Wien, das so leicht zum
Lachen, so leicht zum Weinen neigt, in
nervös sprühenden, springenden Gedanken
und Bildern vielfältigen Ausdruck und reiche
Geltung und die fast zweistündige Dar¬
bietung gestaltetete sich zu einem starken,
vollen Erfolg für den Interpreten, der mit
gleicher souveräner Macht die Zuhörer zum
tiefsten Mitschmerz wie zu hellem Lachen
der Schalkheit und innersten humorvollen
Behagens mitreisst. Es liegt etwas Ursprüng¬
liches in der recitirenden Kunst Salzers, das
den Zuhörer willig auf seine Art der Aus¬
führung eingehen lässt und ihm nachhaltige
Sympathien sichert.
Züricher Post (13. 1. 99). (Litte¬
rarische Abende des Lesezirkels
Vom
Hottingen III „Jung-Wien.)
deutschen Volkslied zu Jung-Wien — das ist
ein respectabler Schritt, er ist nicht grösser
von einem mittelalterlichen naiven Heiligen¬
bi’d zu den Zeiehnungen des „Simplieissimus
Aber er verdient Dank. Die künstlerischen
Ideale von gestern sind uns vertraut, man
ehrt und liebt sie, doch wird man müde, sie
zu bewundern; Kometen und Sternschnuppen,
himmlische Vagabonden, von denen Niemand
weiss, woher sie kommen und wohin sie
gehen, bringen Abwechslung in das er¬
habene Einerlei der Fixsterne, sie reizen die
Neugier wecken einschlafendes Interesse.
Mag man seine Rechnung mit den alten
Kunstgöttern noch so sauber geordnet und
noch so wenig Neigung haben, ein neues
Conto des künstlerischen Empfindens aufzu¬
machen, im Stillen regt sich dich da und
dort ein leises Gähnen und ein Sehnen nach
etwas Neuem, das noch nicht im litte¬
rarischen Pantheon steht, noch etwas, das
dem Heute ein Morgen verspricht, kommender

Generationen neues Fühlen kündet. Man
braucht sich ja mit diesem Neuen nicht aus¬
einanderzusetzen, nicht es anzunehmen, mar
kostet davon, auf Probe, schmeckt's nicht,
so schadet’s auch nicht, am Wenigsten, wenn
es in so vorsichtiger Auswahl und so leichten
Dosen geboten wird, wie vom Lesczirkel
Hottingen in Gestalt der Marcell Salzer’schen
Recitationen aus Werken jung-wienerischel
Dichter.
„Modern ja, das sind diese sicher,
aber vom Vater der „Moderne, dem Natura¬
lismus haben sie sich emancipirt. Im schweren
norddeutschen Boden hat vor anderthalb
Jahrzehnten die scharfe Pllugschar des
Naturalismus zu ackern begonnen, und als
er starb, — denn nach Bahr’s, seines einstigen
begeisterten Propheten und Vorkämpfers,
Urtheil ist er todt — sprosste junges Leben
aus den Furchen, seine Arbeit war nicht um¬
sonst gethan. Mancher Alte, der in ehr¬
würdigen Kunstformen gross und grau ge¬
worden war, sah plötzlich, dass die Welt
sich noch mit andern Augen betrachten liess,
man entdeckte hinter dem Typus das Indi¬
viduum hinter dem Makrokosmus der Gesell¬
schaft den Mikrokosmus der Seele. Mit
rauhem Ungestüm hatte der Naturalismus den
Menschen die Kleider vom Leibe gerissen,
nackt sollten sie sich zeigen: und sah er wo
eine Wunde, wühlte er drin mit brutaler Lust.
Anders die Kunst der jungen „Modernen“,
vor Allem der jungen Wiener. Sie lassen
den Menschen bekleidet, reissen keine
Wunden auf, zerren nicht an unseren Nerven,
sie sind Künstler der Stimmung, des leisen,
diskreten Empfindens. Sie greifen nicht mit
harter Hand in die Saiten der Seele, dass
sie in grellen Disharmonien aufstöhnen, sie
lassen da und dort einen Ton, den Keiner
kannte, kaum ahnte, hier einen Accord er¬
klingen, den Keiner bisher gefunden. Ob
wir die Ohren dafür besitzen, ob wir sie
nicht verstehen, was kümmert es sie: Sie
naben sich ihre eigene Kunst, ihre eigene
Welt gebildet, sie sind die Romantiker von
morgen, wie diejenigen. zu Anfang des Jahr¬
hunderts es von gestern waren.
So schwebte über dem Tonhallesaal keine
revolutionäre Stimmung, als die jungen
Wiener sich vorstellten, so neu und un¬
gewohnt sie unserem Publikum waren. Sie
führten uns, um in ihrer eigenen Sprache zu
reden, mit weissen, weichen, weiblichen
Händen in die Welt ihrer Empfindungen, aus
schwermüthigen oder träumerischen Augen
freundlich lächelnd. Grosse, die Welt in
ihren Gedanken und Gefühlen umspannende
Dichter sind sie Alle nicht, „liebe Kerle“.
nannte sie im Privatgespräch ihr Interpret.
Sie wollen nicht das Leben mit ihrer Kunst
umspannen, nur ihr Leben künstlerisch ge¬
stalten. Sie holen keine Schätze aus der
Tiefe, sie bleiben an der Oberfläche; sie
streifen, Faltern gleich, den Duft von den
Blumen, die sie finden, beguügen Sich damit,
alnen zu lassen, was zu erschöpfen ihre
Kraft nicht ausreicht.
Mit einer „litterarischen Einleitung“, einer
kurzen Charakteristik der Autoren, begann
Marcch Salzer seinen Vortrag. Einen besseren,
hingebenderen Interpreten werden die Wiener
Dichter kaum finden. Bei Salzer ist Alles
Nerv, Bewegung, Aufgehen im Gegenstand
seines Vortrages, in allen Nuancen Wiener
Naturell, eine Verkörperung des Wiener
Lebens. Wir hören es lachen und weinen,
tollen und schluchzen, kein fremder Puls¬
schlag, kein aufdringliches Meistern des
Dichters drängt sich dazwischen, in un¬
gebrochenem Strom fliesst aus des Dichters
Herzen das warme Blut zu uns. Manches
mag die strengen Regeln der Recitation nicht
bestehen, wir empfinden es nicht, wir werden
mitgerissen.
Volksrecht (Zürich, 24. 10. 99). Marcell
Salzer’s Vortrag war ein geistiger und künst¬
lerischer Genuss ersten Ranges.
Schweizerisches kaufmännisches Cen¬
tralblatt (Zürich, 21. 1. 99). Vor aus¬
verkauftem Hause fand Donnerstag, den
12. Januar, der Recitationsvortrag des
Herrn Marcell Salzer von Wien statt. Mit
seinem klangvollen und dabei starken und
äusserst modulationsfähigen Organ wusste er
die Zuhörer eu lessem und ihr Interesse
wach zu halten, ja selbst dort, wo die aus¬
gewählten Stücke etwas lang waren und bei
weniger guter Wiedergabe ermüden müssten.
Herr Salzer trug Ernstes und Heiteres aus
Dichtungen zeitgenössischer deutscher und
österreichischer Autoren mit Meisterschaft
vor, jubelnde Lust und erschütternde Tragik
in markanter Charakterisirung zeichnend und
den köstlichen Humor echter Wiener Marke
dem zahlreich versammelten Publikum
kredenzend.
Tages-Anzeiger für Stadt und Canton
Zürich (21. 1. 99).
Der ganze Reiz des
Wiener Charakters, der Wiener Leichtlebig¬
keit, des Wiener Gefühlslebens und anderer¬
seits des Wiener Witzes, der Wiener Spott¬
lust, auch der Beweglichkeit und des Sich¬
gehenlassens der Wiener ist in diesen Dich¬
tungen und Gedichten mit oft frappirender,
dann wieder mit amüsanter und packender
Anschaulichkeit zur Geltung gebracht. Das
bedeutende Talent des Recitators Herrn
Marcell Salzer, dem das Register aller Ge¬
fühlstöne eines Wieners zur Verfügung stcht,
konnte nicht verfehlen, auch den ganzen In¬
halt der zum Vortrag gelangten Schöpfungen
zur Wirkung gelangen zu lassen. Es war
ein ebenso genuss- wie lehrreicher Abend.
den uns „Jung-Wien“ Dank der verdienstvollen
Veranstaltung des Lesezirkels Hottingen bot.
U. u. m.