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2. Guttings
Feuilleton.
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Arthur Schnitzler.
Es ist ungefähr ein Jahrzehnt verflossen, seitdem
in Oesterreich, die große Leere süllend, welche Grill¬
parzers Tod hinterließ, eine Anzahl neuer Dichter
auftauchte und die revolutionären Bestrebungen, welche
seit langem in Frankreich, seit kurzem im Deutschen
Reiche unter den Schlagwörtern des modernen Geistes
und der modernen Kunst zu herrschen begannen, auf
unseren heimatlichen Boden verpflanzte.
Im Einklange mit dem sybaritischen und arti¬
stischen Charakter der Wiener Kultur gediehen anfänglich
nur jene Keime der neuen Kunst zur vollen Blüte, welche
die Verseinerung und Vertiefung des gesellschaftlichen
und erotischen Lebens versprachen. Der große soziale
Zug, der sich gleichzeitig in den Meisterwerken der
ausländischen Literatur mächtig zur Geltung drängte,
war in der jungen Wiener Kunst kaum zu merken.
So verzeichnen wir in Frankreich Emile Zola, in
Deutschland Hauptmann, in Rußland Tolstoi, in
Oesterreich aber — Hugo v. Hofmannsthal, Peter
Altenberg und Arthur Schnitzler.
So sehr diese drei Namen für das Wiener Auge
zu differieren scheinen, so einheitlich erscheint ihre ge¬
samte Kunst den Fernestehenden, welchen bei der Be¬
trachtung von Menschen und Werken immer zuerst das
Gemeinsame, dann erst nach längerer Gewohnheit und
eindringlicherem Studium das Besondere auffällt. Das
Gemeinsame an diesen drei Dichtern ist die subtile
Psychologie, die ästhetische Moral, der mystische Hinter¬
grund, in dessen Dunkel sie gerne Bild und Gedanken
zurücktreten lassen, und endlich die souveräne Verachtung
der großen sozialen Probleme und Kämpfe, welche in
die Höhe und Abgeschlossenheit ihrer artistischen Welt¬
anschauung nicht hinaufreichen.
Der extremste von diesen Dreien ist Hugo von
Hofmannsthal, dessen aristokratische Subtilität von
vornherein dem großen Publkium den Zutritt verwehrt.
Gleich nach ihm folgt Peter Altenberg, der, obwohl
er im Gegensatze zu Hofmannsthal den aristokratischen
Traditionen vollkommen ablehnend gegenübersteht, sich
doch durch die Exklusivität einer rein ästhetischen
Weltanschauung und Lebensmoral von vornherein
von der Menge scheidet, die seine Moral der Künstler
weder billigen noch verstehen kann.
Mit dieser hohen und exklusiven Art ist eine
gewisse Enge naturgemäß verbunden. Je höher der
Wanderer auf dem Gebirge vordringt, desto einsamer
wandelt er und desto kleiner wird der Boden, der
ihn umgibt. Doch ist es schwerer in den Niederungen
und unter der Menge groß zu sein. Und der müßte
schon ein Riese sein, der, mit den Füßen auf dem
Erdboden stehend, mit den Augen in die Höhen und
Fernen reicht. Wir können nur zwei nennen, die es
vermocht, Shakespeare und Goethe.
Jedenfalls gehört ein rühmenswerter Mut dazu,
trotz des angeborenen artistischen oder, deutlicher gesagt,
l’art pour l'art=istischen Charakters die Richtung und
die Wirkung des Schaffens auf das Allgemeine ab¬
zuzielen. Und dies ist, wie mir scheint, der Entwicklungs¬
gang Arthur Schnitzlers.
Von den dramatischen Skizzen des „Anatol“
welche, in einem beschränkten Kreise von verwöhnten,
großstädtischen, überkultivierten Menschen spielend, auch
wieder nur in diesen Kreisen durch die Kühnheit
ihrer Situationen, durch die Finesse ihrer Psychologie
entzückten, bis zu dem neuen großen Werke Ar
Schnitzlers „Der Schleier der Beatrice“
wahrhaftig ein weiter Weg!
In diesem Drama hat Schnitzler die
lokaler und stofflicher Begrenztheit abgeworfen. E
nicht mehr das „Süße Mädel“, die „Liebelei“.
blasierte, artistisch=dekadente „Anatol“ der in and
Masken wiederholt bei Schnitzler auftritt — Mense
die an das Wien des letzten Jahrzehnts unlö
gelnüpft sind — sondern es sind typische und symboh
Figuren, die unter dem historischen Gewande der
naissance unvergängliche menschliche Erscheinn
repräsentieren wollen.
Shakespeare und Goethe waren wohl die Gen
zu denen der Dichter im heißen Ringen hinausge
haben mochte.
Dieser Emanzipation von der exklusiven K
zum Allgemeinen und Unvergänglichen dürfte Schu
auch seine Wirkung in den breiten Kreisen des Publih
zu danken haben.
Wenn man den Eindruck beobachtet, den die
Stücke des Cyklus „Lebendige Stunden“, we
neulich im Deutschen Volkstheater zum er
male aufgeführt wurde, auf naive Zuhörer haben
merkt man deutlich, wie das erste von ihnen,
dem der Cyklus betitelt ist, befremdet und in
Wirkung versagt.
Sein Thema ist ein allzu literarisches und
zu philosophischer Behandlung oder novellistischer
spinnung als zu dramatischer Zuspitzung geeignet
Daß eine kranke Mutter für ihren Sohn,
Dichter ist, ihrem Leben vorzeitig ein Ende m
Sämtliche Werke Arthur Schnitzlers im Ve
S. Fischer in Beilin.
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