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2. Cuttings box 37/4
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Zwitterkünst.

kunstepochen und darum den Alten gleichfalls bekannt. Der pythische Nomos
griechischer Auletik wollte den Kampf Apolls mit einem Drachen erzählen, Ein¬
zelheiten plastisch malen (so das Zähnefletschen des Ungeheuers), und stellt die
älteste Form unserer symphonischen Dichtungen dar.
Die formalen Wirkungen der einen Gattung auf die andere übertragen,
ist ein Seitenzweig; die musikalische Wirkung des End= und Anfangreimes,
die poetische musikalischer Vortragspausen ein Beispiel für viele.
Drittens: Die Vereinigung verwandter Arten als bewußt verwendetes
Kunstmittel oder unbewußter oder bewußter Notbehelf führt uns der Zwitter¬
kunst zu. Es ist die Nutznießung eines fremden Stiles für ein Kunstwerk
andere: Empfindungswelt, die ihrer stärksten Wirkungsmöglichkeiten entkleidet
wird, ohne das uns darum das Kunstwert geringeres Vergnügen bereiten
muß. (Siehe Hamb. Fr. 48. S.)
Jedes Kunstwerk klassischen Wuchses trägt den Stil seiner Ark in sich
und in seiner Form. Das Epos die ruhige, stille, kraftvolle Souveränität des
Erzählers, das Drama die in Handlung umgemünzte Gedankenwelt eines der
Menschheit innewohnenden Gefühlskomplexes; die Lyrik kondensierte Reinkultur
des eigenen Empfindungslebens. Jedes Kunstwerk muß aber noch von einer
verwandten Art jene wesenbestimmenden Faktoren übernehmenden, die eine
regere Stoffgestaltung ermöglichen, die, unwillkürlich gewählt, dem Epos die
wilde, sprühende Glut dramatischen Sinnenlebens, dem Drama die milden
warmen, süßen Töne der Lyrik, der Lyrik etwe den vorwärtsdrängenden Zug
dramatischer Epik leihen. So schränkt sich eins ins andere, die Wesensbestand¬
teile einer Art einen sich zum Gattungsbegriff: Dichtung.
Lyrik allein ist die notwendige Essenz jeder Mischungsart. Denn wenn
wir Kunst für empfundenen Schönheitsausdruck erklären, so muß doch jene
Kunstart, die den Ausdruck der Empfindung als Zweck ihres Daseins erkennt,
sich allen anderen beigesellen. Darum ist auch das subjektiv empfundene
Drama in jeder großen Kunstepoche stärker von Lyrik beeinflußt, als das
durch Distanz erst Kunst gewordene Epos. Schiller, dem nur ein einziges
lyrisches Gedicht (An den Frühling), und dieses in seiner ersten, noch unge¬
klärten Periode, gelang, hat fast in allen Dramen starke lyrische Szenen kom¬
poniert. Die in Handlung umgesetzte Gedankenwelt eines Gefühlkomplexes
hebt den Ausdruck seiner unlprischen, dramatisch=feurigen Kunst in die naivere
Sphäre des Gedichtes. Zudem bieket er in den „Räubern“ ein schönes Bei¬
spiel für die Amwandlung der lyrischen Empfindungen in die dramatischen,
dem ich nur noch „Gestern“ von Hugo von Hoffmannsthal (Theophil Morren)
beizusetzen weiß. Shakespeare, Kleist, Hebbel sind die Lyriker im Tragiker¬
gewande, d. h. schlechthin Tragöden, und die großen Alten Aischylos und
Sophokles haben, die Not in Tugend verwandelnd, dem losen Szenenbunde
des antiken Dramenbaues die reichen, vollen Blüten der lyrischen Chorergüsse
eingefügt. Homer, der Epiker, dagegen, hat für meine Empfindung unter
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