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Sevdenko-Denkmal im Petrowski-Park in Pollawo
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M. Pospis####: „Köchin“ (Kolorierter Gips auf der Triester Johresausstellung
der Venezia Giolia)
J VON FRANZ BLEI
ZEITGENOSSET
XI. ARTHUR SCHNITZLER
Die in die Stirne gezogene Locke war ihrem Leben die Spannung zu geben in
schon recht grau geworden, alsSchnitz- einem Erleben außerhalb ihrer Klasse.
ler von seinen literarischen Anfängen Früh und unvermeidlich genug kommt
erzählte. In den achtziger Jahren gab ja der Gatte Tischlermeister oder klei¬
## New Vorker Weitenkra##er Photo Cer,
ner Beamter — wenn nicht ein Wun¬
es in Wien ein Mode-Wochenblitt, das
der geschieht, der Sprung in jene Welt,
etwas langatmig „An der schönen
blauen Donau“ hieß und Rudolf Lothar aus der wie ein lockender Abgesandter
dieser junge Herr auftaucht, der aber
herausgab. Darin erschienen die ersten
schon mit dem Abschiedsbrief angetre¬
etwas romantischen Erzählerfindun¬
ten ist und auch sein Rückberufungs¬
gen. Oder wie Schnitzler es sagte: „Der
schreiben in die Welt seines Stondes
Lothar hat mich in die Literatur ge¬
in der Tasche trägt. Der Sprung in die
bracht, aus der er mich, glaub’ ich,
Welt bedeutete, daß man vielleicht ein
heut lieber wieder herausbrächte.“
Talent zum Theater habe oder zum Bal¬
An der schönen blauen Donau ist
lett. Er bedeutete nicht, dieses jungen
Schnitzler. mit ein bißchen von Musset
Stadtherrn Gattin zu werden. Es ge¬
bezogener Sentimentalität, ein bißchen
hörte zu den Wesenszügen des süßen
von Donnau beigestellter Ironie, sein
Mädels, daß es solchen Ehrgeiz nicht
Leben lang geblieben und ließ ihn dar¬
hatte. Anders hätte es den Romantiker
an festhalten, daß die Donau sowohl
seiner ersten Liebe ja sehr inkommo¬
blau als schön ist, was sie, wie man
diert und er hätte nie den Typus so um¬
weiß, bei Wien gar nicht ist. Das heißt
goldet. Verzicht stand ihr von Anfang
aber durchaus nicht, seine Literatur in
un auf die kurze Stirn über der niedli¬
der regionalen Enge lokalisieren, son¬
chen Stüpnase geschrieben.
dern in jener Breite, welche kulturell
Wenn man sich erinnert, duß die
das alte Oesterreich war, das Wien sei¬
ebenso sentimentale, aber weit nüchter¬
ne spezifische kosmopolitische Essenz
nere Berliner Moderne gleichzeitig das
gab, seine geistige Atmosphäre.
Strichmädchen und die Kellnerin als
Es ist nichts Neues, daß Schnitzler
ihren erotischen Sichtgegenstand er¬
das „süße Mädel“ entdeckt und ihm
Namen und Bühnenfigur gegeben hat
fand und sich in allerlei Romanen da¬
in jenem Stück, das „Liebelei“ heißt.
mit abplagte, so legt das für Schnitzler,
seinen Takt, seinen Geschmack, seine
Es lebt heute noch weiter in den win¬
Kultiviertheit ein eben so schwerwie¬
digsten Operettenterten. Schniteler gab
gendes Wort ein, wie für die gesamte
älter geworden lächelnd zu, daß dieses
Wiener Moderne.
Wanschgebilde nur sehr rudimentär
einer Wirklichkeit entsprach. Diese
Schniteler gab nur ungern seine Ein¬
Töchter kleinbürgerlicher Vorstüdter
willigung zu einer einmaligen Auffüh¬
oder Arbeiter hatten, wenn und so lan¬
rung seines „Reigen“ in München. Die
ge sie jung und hübsch waren, ihren
Zensur erlaubte das Spiel unter der Be¬
Liebesehrgeiz, der sie so einem ele¬
dingung, daß nach jeder Szene sich der
ganten Herrn aus der Stadt geneigter
Vorhung schließe. Während der Auf¬
machte als einem Spengler, selbst wcenn
führung sagte mir Schnitzler lächelnd:
#er ein Galanteriespengler iar. Ziei¬
„Als ob man den Hamlet ohne Hamlet
schen sechzehn und achtzehn resigniert
ra-Gemölde auf der Triester Johresausstellung der Venezie Giolie) 50 ein hübsches Dinn nicht und sucht spielte!“
8. JUL 1934
ager t rest, Prag