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Die letzten Masken
Aus „I
Schauspiel in einem Akt von ARTHUR SCHNITZLER
WEIHGAST. Auch von dieser Hypochondrie hat mir Doktor
DIE SCHLUSSSZENE.
Halmschlöger Mitteilung gemacht — ja. Er verträgt den auf ihn
Ein kleinerer Raum — sogenanntes „Extrakammer!“ — im all¬
gerichteten Blick Rademachers nicht gut, schaut aber nicht fort.
gemeinen Krankenhaus, in Verbindung mit einem großen Kranken¬
Also, du hast mich rufen lassen, wolltest mit mir sprechen.
saal; statt der Türe ein beweglicher Leinenvorhang. Links ein Bett.
Nun, ich bin bereit. Warum lächelst du? — Nein, es ist der
Schimmer von dem Licht. Die Beleuchtung ist hier nicht ganz
In der Mitte ein länglicher Tisch, darauf Papiere, Fläschchen usw.
auf der Höhe. — Nun, ich warte. Ich werde Herrn Doktor
Zwei Sessel. Ein Lehnstuhl neben dem Bett. Auf dem Tisch
Halmschlöger erklären, daß du von den ersten fünf Minuten
eine brennende Kerze.
keinen Gebrauch gemacht hast. Nun? —
RADEMACHER hatte schon einige Male die Lippen geöffnet
HALMSCHLÖGER und WEIHGAST kommen.
halb, als wollte er reden. Auch jetzt; aber er schweigt wieder. —Pause.
HALMSCHLÖGER. Also hier ist der Kranke.
WEIHGAST. Wie ist’s dir denn immer ergangen? leicht ver¬
WEIHGAST elegant gekleideter, sehr gut erhaltener Herr von
legen. Hm, die Frage ist etwas ungeschickt in diesem Moment.
etwa 55 Jahren, grauer Vollbart, dunkler Überzieher, Spazierstock.
Ich bin ein wenig befangen, ich will es dir gestehn; denn, äußer¬
So — hier. Zu Rademacher hin, herzlich. Rademacher — ist
lich betrachtet, möchte man wohl glauben, daß ich derjenige bin,
es möglich? Rademacher — so sehn wir uns wieder! Mein lieber
dessen Los besser gefallen ist. Und doch — wenn man die Sache
Freund!
so nimmt, wie sie ja doch eigentlich genommen werden muß —
RADEMACHER. Ich danke dir sehr, daß du gekommen bist.
wer hat mehr Enttäuschungen erlebt? Immer der, der scheinbar
mehr erreicht hat. — Das klingt paradox, und doch ist es 80. —
HALMSCHLOGER hat gewinkt; die Wärterin brachte einen
Ah, wenn ich dir erzählen wollte ... nichts als Kämpfe — nichts
Sessel Tür Weihgast. Und nun erlauben Sie mir, Herr Weihgast,
als Sorgen. — Ich weiß nicht, ob du die Bewegung der letzten
daß ich als Arzt die Bitte an Sie richte, die Unterredung nicht
Zeit so verfolgt hast. Nun stürzen sie über mich her ... Wer?
länger als eine Viertelstunde auszudehnen. Ich werde so frei sein,
Die Jungen. Wenn man bedenkt, daß man vor zehn Jahren selbst
nach der angegebenen Zeit selbst wiederzukommen und Sie hinab
noch ein Junge war. Jetzt versuchen sie, mich zu entthronen..
zu begleiten.
Wenn man diese neuen Revuen liest .. Ah, es ist, um Ubelkeiten
WEIHGAST. Ich danke Ihnen, Herr Doktor, Sie sind sehr
zu bekommen! Mit Hohn, mit Herablassung behandeln sie mich.
liebenswürdig.
Es ist ja jämmerlich! Da hat man nun redlich gearbeitet und
gestrebt, hat sein Bestes gegeben — und nun ... Ah, sei froh,
HALMSCHLÖGER. Oh, zu danken habe ausschließlich ich.
daß du von all den Dingen nichts weißt. Wenn ich heute wählen
Es gehört wirklich kein geringer Opfermut dazu...
könnte, — heute mein Leber von neuem beginnen..
WEIHGAST wehrt ab. Aber, aber
RADEMACHER. Pun?
HALMSCHLOGER. Nun, Herr Rademacher, auf Wieder¬
WEIHGAST. Ein Bauer auf dem Land möcht ich sein, ein
sehen. Droht ihm ärztlich freundlich, er möge sich nicht aufregen.
Schafhirt, ein Nordpolfahrer — ah, was du willst! — Nur nichts
Dann wechselt er einige Worte mit der Wärterin und geht mit ihr ab.
von der Literatur. — Aber es ist noch nicht aller Tage Abend.
WEIHGAST die Wärterin hat ihm den Überzieher abgenommen;
RADEMACHER sonderbar lächelnd. Willst du an den Nordpol?
er hat sich gesetzt; sehr herzlich, beinahe echt. Nun, sag’ mir ein¬
mal, mein lieber Rademacher, was ist das für eine ldee, sich hier¬
WEIHGAST. Ah nein. Aber in der nächsten Saison, zu
her zu legen — ins Krankenhaus —
Beginn, kommt ein neues Stück von mir. Da sollen sie sehen,
da sollen sie sehen! Ah, ich lass’ mich nicht unterkriegen!
RADEMACHER. Oh, ich bin zufrieden, man ist hier sehr gut
Wartet nur! wartet nur! — Nun, wenn alles gut geht, so sollst
aufgehoben.
du dabei sein, mein alter Freund. Ich verspreche dir, dir Billette
WEIHGAST. Ja, gewiß bist du in den besten Händen. Doktor
zu schicken. Obwohl euer Blatt im allgemeinen verflucht wenig
Halmschlöger ist ein sehr tüchtiger junger Arzt und, was mehr
Notiz von mir nimmt. Ja, meine letzten zwei Bücher wurden
ist, ein vortrefflicher Mensch. Wie man ja den Menschen an sich
bei euch direkt totgeschwiegen. Aber du hast ja mit dem Ressort
überhaupt nie von dem Berufsmenschen trennen kann. Aber
nichts zu tun. Na! — Ubrigens, was für gleichgültiges albernes
trotzdem — du entschuldigst schon — warum hast du dich nicht
Zeug... So erzähle mir doch endlich. Was hast du mir zu
an mich gewandt?
sagen? Wenn dir das laute Sprechen Mühe macht ... ich kann
ja auch ganz nahe rücken. — Hm ... Pause. Was meine Frau
RADEMACHER. Wie hätt' ich.
dazu sagen wird, wenn ich ihr erzähle, daß unser alter Rade¬
WEIHGAST. Wenn du dich auch eine Reihe von Jahren um
macher im Allgemeinen Krankenhaus liegt ... Dein Stolz, mein
deinen alten Freund nicht mehr gekümmert hast, du kannst dir
lieber Rademacher, dein verdammter Stolz . .. Na, wir wollen
wohl denken, daß ich dir unter diesen Umständen in jeder Weise
nicht davon reden . .. Ubrigens ist meine Frau augenblicklich
zur Verfügung..
nicht in Wien — in Abbazia. Immer etwas leidend.
RADEMACHER. Laß doch das, laß doch das.
RADEMACHER. Hoffentlich nicht ernst?
WEIHGAST. Nun ja — bitte. Es war wahrhaftig nicht bös'
WEIHGAST drückt ihm die Hand. Gott sei Dank, nein.
gemeint. Immerhin, es ist auch jetzt nicht zu spät. — Doktor
Mein Lieber, dann stünd’ es auch mit mir schlecht. Wahrhaftig,
Halmschlöger sagt mir, es ist nur eine Frage der Zeit, der guten
bei ihr find' ich mich selbst — den Glauben an mich selbst
Pflege in ein paar Wochen verläßt du das Spital, und was eine
wieder, wenn ich nah daran bin, ihn zu verlieren — die Kraft
Nachkur auf dem Lande betrifft...
zu schaffen, die Lust zu leben. Und je älter man wird, um 8o
mehr fühlt man, daß dies doch der einzige wahre Zusammenhang
RADEMACHER. Von all diesen Dingen ist nicht mehr die
ist, den es gibt. Denn die Kinder o Gott!
Rede.
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