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RADEMACHER. Was ist’s mit ihnen? Was machen sie?
WEIHGAST. Meine Tochter ist verheiratet. Ja, ich bin
schon zweifacher Großvater. Man sieht’s mir nicht an, ich weiß.
Und mein Bub’ — Bub'!! — dient heuer sein Freiwilligenjahr —
macht Schulden — hat neulich ein Duell gehabt mit einem jungen
Baron Wallerskirch — wegen eines Frauenzimmers . Ja, mein
Lieber, immer dieselben Dummheiten. So wird man alt, und
das Leben nimmt seinen Lauf.
RADEMACHER. Ja, ja. Pause.
WEIHGAST. Nun die Zeit verrinnt. Ich warte. Was hast
du mir zu sagen? Ich bin bereit, alles, was du wünschest...
Soll ich vielleicht bei der Konkordia Schritte tun? Oder kann
ich vielleicht in der Redaktion des „Neuen Tags“ für den Fall
deiner baldigen Wiederherstellung... Oder — du entschuldigst,
daß ich auch von solchen Dingen spreche — kann ich dir irgend¬
wie mit dem schnöden Mammon ...
RADEMACHER. Laß, laß. Ich brauche nichts — nichts
Ich hab’ dich nur noch einmal sehen wollen, mein alter Freund. —
das ist alles. Ja. Reicht ihm die Hand.
WEIHGAST. So? Wahrhaftig es rührt mich. Ja. — Nun,
wenn du wieder gesund bist, so hoff’ ich, wir werden einander
wieder öfter. na!
Peinliche Pause. — Man hört das Ticken der Uhr aus dem Nebensaal.
HALMSCHLOGER kommt. Nun, da bin ich wieder. ich
bin hoffentlich nicht zu pünktlich?
WEIHGAST erhebt sich, sichtlich befreit. Ja, wir sind bereits
zu Ende.
HALMSCHLOGER. Nun, das freut mich. Und ich hoffe,
unser Patient ist beruhigt — nicht wahr?
RADEMACHER nickt. Ich danke.
WEIHGAST. Also auf Wiedersehen, lieber Freund. Wenn
der Herr Doktor gestattet, so schau' ich in ein paar Tagen
wieder einmal nach.
HALMSCHLÖGER. Gewiß. Ich werde Auftrag geben, daß
man Sie zu jeder Zeit.
WEIHGAST. Oh, ich wünsche nicht, daß Sie meinetwegen
eine Ausnahme machen.
HALMSCHLOGER. Paschanda!
WARTERIN reicht Weihgast den Oberzieher.
WEIHGAST. Also nochmals Adieu und gute Besserung und
nicht kleinmütig sein. Gegen den Ausgang mit Halmschlöger.
FLORIAN kommt hinter dem Vorhang hervor. Habe die Ehre,
Herr Doktor, habe die Ehre!
HALMSCHLOGER. Na hören Sie, Sie schlafen noch immer
nicht!
WEIHGAST. Was ist das für ein Mensch? Er hat mich in
einer so sonderbaren Weise fixiert..
HALMSCHLOGER. Ein armer Teufel von Schauspieler.
WEIHGAST. So, so.
HALMSCHLÖGER. Hat keine Ahnung, daß er in spätestens
acht Tagen unter der Erde liegen wird.
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WEIHGAST. So, so.
Blicke Weihgasts und Florians begegnen einander.
HALMSCHLÖGER. Drum halt' ich auch jede Strenge für
überflüssig. Regeln für Sterbende — das hat doch keinen rechten
Sinn.
WEIHGAST Sehr richtig. — Es hat mich wirklich gefreut,
bei dieser Gelegenheit Ihre nähere Bekanntschaft zu machen
und Sie sozusagen einmal bei der Arbeit zu belauschen. Es war
mir überhaupt in vieler Beziehung interessant.
HALMSCHLOGER. Nun, wenn ich fragen darf, war es
wirklich etwas so Wichtiges, was Ihnen Ihr Freund mitzuteilen
hatte?
WEIHGAST. Keine Idee. Wir haben in längst vergangener
Zeit miteinander verkehrt, er wollte mich noch einmal sehen.
das war alles. Ich glaube übrigens, daß ihn mein Kommen sehr
beruhigt hat. Im Gehen.
WARTERIN. Küss’ die Hand.
WEIHGAST. Ach so. Gibt ihr ein Trinkgeld.
Halmschlöger, Weihgast ab, hinter ihnen auch die Wärterin.
FLORIAN yasch zu Rademacher hin. Na also, was war denn?
Der Mensch muß eine kolossale Selbstbeherrschung haben. ich
versteh’ mich doch auf Physiognomien — aber ich hab’ ihm
nichts angemerkt. Wie hat er’s denn aufgenommen?
RADEMACHER ohne auf ihn zu hören. Wie armselig sind
doch die Leute, die auch morgen noch leben müssen.
FLORIAN. Herr Rademacher — also was ist denn? Wie
steht’s mit dem Schlüssel zum Schreibtisch?
RADEMACHER erwachend. Schreibtisch —? — Machen S’,
was Sie wollen. Verbrennen meinetwegen!
FLORIAN. Und die Schätze? Die Meisterwerke?
RADEMACHER. Meisterwerke! — Und wenn schon..
Nachwelt gibt’s auch nur für die Lebendigen. Wie seherisch.
Jetzt ist er unten. Jetzt geht er durch die Allee — durchs Tor—
jetzt ist er auf der Straße — die Laternen brennen — die Wagen
rollen — Leute kommen von oben: und unten ... Er 1st.
langsam aufgestanden.
FLORIAN. Herr Rademacher! Er beirachtet ihn genau.
RADEMACHER. Was hab' ich mit ihm zu schaffen? Was
geht mich sein Glück, was gehn mich seine Sorgen an? Was
haben wir zwei miteinander zu reden gehabt? He! Was?..
Er faßt Florian bei der Hand. Was hat unsereiner mit den Leuten
zu schaffen, die morgen noch auf der Welt sein werden?
FLORIAN in Angst. Was wollen Sie denn von mir? — Frau¬
Paschanda!
WARTERIN kommt mit dem Licht.
RADEMACHER läßt die Hand Florians los. Löschen Sie's
aus, Frau Paschanda — ich brauch' keins mehr ... Er sinkt
auf den Sessel.
FLORIAN am Vorhang; hält sich mit beiden Händen daran;
zur Wärterin. Aber jetzt — nicht wahr?
Vorhang.
Die Szene aus „Die letzten Masken“ wurde mit Erlaubnis
des Dichters und des S. Fischer Verlag, Berlin, bei dem
Schnitzlers Werke in Einzelausgaben und einer schönen
Gesamtausgabe erschienen sind, nachgedruckt.