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AUS DENN¬
, Guch, Ser J,
prüch und Bedenken
Von Arthur Schnitzler
Eine als Irrtum erkannte Meinung ohne falsche Scham aufzu- Warum uns doch die Gutmütigkeit unserer Nebenmenschen
geben, das ist vielleicht die wunderbarste Kraftersparnis, die
meist als Dummheit und unsere eigene als Güte — die Güte der
unserem Geist gegönnt ist; und zugleich die, von der wir am
Anderen als Schwäche und die unsere als ein Zeichen von Seelen¬
seltensten Gebrauch machen.
adel erscheint?
Alles verstehen heißt alles verzeihen; — das wäre sehr edel
Kommt es Euch denn darauf an, die Wahrheit zu erforschen—
gedacht und gesagt. Nur schade, daß das Verzeihen neunund¬
Nein: Recht zu behalten.
neunzigmal unter hundert aus Bequemlichkeit und höchstens
Zu raten? — Nein: Die Gescheiteren zu sein.
einmal aus Güte geschicht; und daß die Güte unter hundert
Zu heifen? — Nein: Euch loszukaufen.
Fällen neunundneunzigmal keineswegs in Reichtümern des
Herzens, sondern vielmehr in Mängeln des Verstandes ihre Ur¬
sache zu haben pflegt.
Hinter unserer Tat höllenweit, nie völlig zu begreifen, liegt
das, was wir Schuld — in Himmelsferne, von unserem sterb¬
Mancher dichterische Einfall, der im Laufe der Zeit in unser
lichen Auge nicht zu erschauen, das, was wir Vergeltung
Unbewußtes sank, den wir also unserer Meinung und dem Sprach¬
nennen dürfen. Doch daß beide sind, Schuld wie Vergeltung,
gebrauch nach vergessen haben, nimmt weiter an unseren Er¬
dafür zeugt, was mit uns geboren, ohne Unterlaß im Takt
lebnissen teil, zieht in geheimnisvoller Weise Nahrung aus ihnen
unserer Herzen schlägt — das Gewissen.
und entwickelt sich so ohne unser Dazutun, ohne unser Wissen
fort. Und eines Tages mag es geschehen, daß er, wundersam
verändert, aus den Tiefen unserer Seele wieder emporsteigt und
uns zu mahnen scheint: Nun bin ich endlich zu dem herangereift,
Die reinigende Kraft der Wahrheit ist so groß, daß schon
wozu ich von Anbeginn bestimmt war: jetzt erst bin ich deiner
das Streben nach ihr ringsum eine bessere Luft verbreitet; die
und du meiner wert; —
laß uns beide unser Schicksal erfüllen, —
zerstörende Macht der Lüge so furchtbar, daß schon die Neigung
schaffe dein Werk.
zu ihr die Atmosphäre verdunkelt.
Wie oft — bei uns noch öfter als bei andern — halten wir
Daß wir enttäuschen, das mag uns oft genug ohne
für Stärke des Charakters, was am Ende doch nichts anderes
eigene Schuld begegnen; — es genügt dazu, daß Menschen,
t als Schwäche des Gefühls.
die uns überschätzt oder auch nur nach Verdienst gewürdigt
haben, sich von uns fort oder über uns hinaus entwickeln, oder
daß sie sich das auch nur einbilden. Bestätigen aber
müssen wir uns immer wieder aufs neue, mit jedem Tag —
aus eigener Mühe und mit eigener Kraft.
Bereit sein ist viel, warten können ist mehr, doch erst:
den rechten Augenblick nützen ist alles.
Wir sind in jedem Falle verdammt, unsere Nebenmenschen
auszunützen; nicht nur aus sogenannten egoistischen Gründen,
Lebensklugheit bedeutet: alle Dinge möglichst wichtig, aber
keines völlig ernst nehmen.
sondern in einem tieferen Sinne: zur Erfüllung unseres durch
unsere Anlagen bedingten Schicksals. Die Menschen, die wir
zu diesem Zwecke nicht brauchen können, entfernen wir un¬
willkürlich aus unserer Nähe, und mit unbewußtem Scharfblick
wählen wir aus der Menge der uns Begegnenden eben diejenigen
Was als Persönlichkeit wirkt, ist das Leuchten aller Mög¬
aus, die ihrem Wesen nach dazu geschaffen sind, uns das
lichkeiten eines Charakters hinter seinen wirklichen und
unsere entdecken und entfalten und so unser Schicksal er- zufälligen Lebensäußerungen.
füllen zu lassen.
Mit Erlaubnis des Dichters und Verlags aus dem „Buch
der Sprüche und Bedenken“ nachgedruckt, Das Werk
erschien im Phadion-Verlag in Wien.
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