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Die Zuerkennung des
Raimund=Preises—einfrecher
Hohn auf den deutschen
KKunstsinn.
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Um die dichterischen Kräfte wieder in den
Dienst der Volksbühne zu stellen, wurde nach
der Gründung des Wiener Raimund=Theaters
eine Preisstiftung ins Leben gerufen, aus deren
Zinsen die besten der dort aufgeführlen Stücke
durch Preise ausgezeichnet werden sollten. Das
Kapital widmete Herr Alfred Strasser, ein Jude,
dem man jedoch nachsagte, daß er aufrichtig die
künstlerischen Absichten des damaligen Direktors
Adam Müller=Guttenbrunn fördern wollte. Der
Stiftbrief enthielt auch die Bestimmung, daß die
Stiftung, wenn das Raimund=Theater seinem ur¬
sprünglichen Zwecke entzogen wäre, in die Ver¬
waltung der Akademie der Wissenschaft überzu¬
gehen hätte. Dieser Fall ist nun tatsächlich ein¬
getreten, da das Raimund=Theater keine neuen
Volksstücke mehr aufführt, sondern die Operette
pflegt. Was aber geschah?
Der jüdische Jour¬
nalistenverein Concordia“, der sich durch die
Bestimmung bedroht sah, weil die Akademie
der Wissenschaften vielleicht bei der Neuordnung
der Stiftung nicht ausschließlich ihre Wünsche
berücksichtigt hätte, setzte sich mit Herrn Strasser
ins Einvernehmen und erwirkte bei der k. k. n.=ö.
Statthalterei eine Anderung des Stiftbriefes.
Welchen Sinn diese Anderung hatte, zeigte sich
bei der vor kurzem vollzogenen Preisverleihung.
Das Preisgericht, bestehend aus den Herren
Alfred Cavar (Direktor des Raimund=Theaters),
A. Strasser (Vertreter des Raimund=Theaterver¬
eines), Dr. A. Bektelheim (Vertreter des Zweiges
Wien der Schillerstiftung), Reg.=Rat Dr. Karl
Glossy (Vertreter der Grillparzer=Gesellschaft)
und Reg.=Rat I. Winternitz (Vertreter der
„Concordia*), also 3 Juden und 2 Liberale, hat
den Schriftstellern Artur Schnißler und Au¬
Fuchs, Silberstein, Weyl, Zadek, Manasse, Cohen,
Hirsch, Wollheim, Friedländer, Mayer, Koblenzer,
Davidsohn, Katzenstein usw. In Österreich;
Dr. Adler, Karpeles, Abraham, Austerlitz, Dia¬
mant, Ellenbogen, Feldmann, Fränkel, Fried,
Hirsch, Morgenstern, Rubinstein, Rosenzweig,
Schacherl, Schlesinger, Stern Schnißler, Spiel¬
mann usw.
Um die Arbeiterführer hat es überhaupt
eine eigene Bewandtnis. Um den 130 sozialde¬
mokratischen Abgeordneten, die seit 1867 im
Reichstage gesessen haben, sind nur 16 wirkliche
Arbeiter anzutreffen. Als eigentlicher Leiter aber,
in dessen Händen selbst Bebel nur eine Draht¬
puppe war, galt der kürzlich verstorbene jüdische
Millionär und ehemalige Mäntelfabrikant Paul
Singer. Der Geschäftsbetrieb dieses Herrn wurde
seinerzeit durch ein Gerichtsurteil folgendermaßen
gekennzeichnet: „Die von der Firma Singer Ab¬
hängigen waren für sie eben weiter nichts als
Arbeitsmaschinen, die für die Firma ausgenutzt
wurden, soweit sie nach den Verhältnissen sich
ausnutzen ließen und ausnutzen lassen mußten.
Daß sie im übrigen auch Menschen waren
dolf Holzer je 2000 Kronen zuerkannt, diesem
für das Stück „Mütter“, jenem für die Historie
„Der junge Medardus“,
Rudolf Holzer, ein Redakteur der „Wiener
Zeitung", ist Arier, was aber nicht viel bedeutet,
da ja sein Zusammenhang mit dem Judentum,
abgesehen von seiner Verheiratung mit einer
Jüdin, schon durch seine Zugehörigkeit zur „Con¬
cordia“ offenkundig ist. Wäre dies anders, so
wäre er wohl leer ausgegangen wie ein anderer
Christ, der in Betracht kam, sich aber mit einer
„ehrenvollen Erwähnung“ begnügen mußte. Daß
der literarische Wert der Stücke ganz nebensäch¬
lich war, erhellt daraus, daß ein so elendes
Machwerk wie „Der junge Medardus“ von
Schnitzler preisgekrönt wurde. Aber Schnitzler
ist Jude. Nun — „der Medardus“ wird doch
im Burgtheater gespielt? Leider ist die jüdische
Lüsternheit hofburgtheaterfähig geworden! Ja,
sind denn von den fünf Preisrichtern nicht doch
zwei, die als Christen gelten? Eher würde noch
ein Jude gegen fünf Schnitzler stimmen, als Herr
Reg.=R. Glossy und Herr Cavar — der wird
sichs doch nicht mit der „Concordia“ verderben!
Aber die Preisrichter haben ja ihre Entscheidung
begründet; sie haben den „Medardus“ als „ein
Werk“ erkannt, in dem sich „schöpferische Phan¬
tasie durch eigentümliche Empfindung betätigt
und das sich durch nicht alltägliche Behandlung
der Sprache auszeichnet“? Die Preisrichter haben
das Stück vielleicht einmal im Burgtheater ge¬
sehen und die Ausstattung bewundert — ob sie
es aber auch gelesen haben? Wir bezweifeln das
sehr. Oder wollten sie durch ihre Begründung
gerade das verdecken, was die Preiswürdigkeit
auch dem oberflächlichen Kunstverständnis in
Frage zu stellen schien? Wie ist denn nur die
schöpferische Phantasie Schnitzlers beschaffen?
Als Napoleon das zweite Mal in Schönbrunn
weilte (1809), wurde eines Tages Friedrich Staps,
der aus Erfurt zugereiste, 17jährige Sohn eines
Naumburger Predigers, im Schloßhofe aufge¬
kümmerte die Firma nicht.“ — In einer Ver¬
sammlung, wo man die Wohnungsfrage der Ar¬
beiter beriet, hat, wie die „Halle'sche Zeitung“
seinerzeit berichtete, Singer zu seiner Umgebung
gesagt: „Es fällt mir nicht ein, dem Arbeiter
eine besondere Wurst zu braten. Denn wenn er
eine bessere Wohnung hat, so ist er zufrieden;
und wenn er zufrieden ist, so ist er für unsere
Zwecke nicht zu haben.“
In welcher Weise die Juden „parlamen¬
tarische Arbeit“ leisten können, das kennzeichnete
die sozialdemokratische „Leipziger Volks¬
zeitung“ mit folgenden Worten: „Dazu gehört
in erster Linie eine Portion Frechheit. Unserm
Freunde Goldstein fehlt es an dieser guten Gabe
Gottes nicht, er wird diesen Politikern mit der
nötigen Ruppigkeit derbe Wahrheiten zu sagen,
wissen.“ Das deutsche Volk, das seine Vorzüge in
entgegengesetzter Richtung sucht, bei welchem
Anstand, Bescheidenheit, zarte Schonungfremder
Ehre, Ritterlichkeit der Gesinnung als Tugend
gelten, wird auf dem Gebiete der öffentlichen“
Maulfrechheit vergeblich mit den Juden zu wett¬
eifern suchen
griffen und es stellle sich heraus, daß er den
Franzosenkaiser, den er als den Erniedriger
Deutschlands haßte, ermorden wollte. Napoleon
gedachte ihn zu begnadigen, doch Staps erklärte,
daß er nicht eher ruhen würde, bis sein Vorsatz
ausgeführt wäre. Dieser edle, nur von seinem
Fanatismus irregeleitete Jüngting wurde von
Schnitzler in einen Wiener Buchhändlersohn
namens Medardus Klähr verwandelt. Bei dieser
Metamorphose ging die Reinheit des Urbildes
verloren. Medardus wird durch Schnitzlers Dra¬
matik mit einer französischen Prinzessin, die mit
ihrem Vater, einem Gegner Napoleons, in Wien
lebt, verkuppelt (den Kuppelpreis zahlt das Hof¬
burgtheater); Klährs Schwester wird von dem
Bruder dieser hohen Dame unter dem Verspre¬
chen, der Heirat verführt; weil dieser aber seine
Zusage nicht erfüllen kann, geht das Paar frei¬
willig in den Tod. Medardus sinnt 'chon lange
schreckliche Rache. Sein Vater hatte sich, da er
wegen der Franzosen vier Jahre vorher in der
Bürgerwehr Dienst tat, eine Erkältung zugezogen
und war gestorben. Das soll jetzt Napoleon
büßen, obschon der gar nichts dafür kann. Me¬
dardus will auch die Prinzessin bloßstellen, gerät
aber in das von Schnitzler ihr zur Verfügung
gestellte Liebesnetz, geht dann nach Schönbrunn,
um Napoleon zu erdolchen, tötet aber, ehe er
dazu kommt, seine ihm gerade entgegenkommende
Prinzessin, von der das Gerücht erzählt, daß sie
inzwischen Napoleons Maitresse geworden sei.
Ist das nicht schön? Ifi das nicht genial erfun¬
den? Und da ist man immer gegen die Fünf¬
kreuzerbücheln als Schundlektüre losgezogen, die
doch ebenso phantasievoll und auch so sauber
waren.
Aber Schnitzler schrieb ja eine Historie —
ein Stück Weltgeschichte! Schnitzlersche Geschichts¬
auffassung: Wo steckt die Dirne? (SCherchez la
femme!*) Und seine Phantasie betätigt sich durch
eigentümliche Empfindung. Medardus Klähr ist
nichts anderes als ein frühreifer und durch seine
galanten Studentenabenteuer auch schon schlaff
gewordener jüdischer Lebejüngling, aber keck und
unverschämt, wie es eben nur ein Jude sein kann.
Am Ende stand Herrn Schnitzler bei dieser Figur
ein aus Budapest zugewanderter Stammesgenosse
Modell, der ebenso durch seine Dreistigkeit wie
seine Unwissenheit bekannt geworden ist und es
nun auch schon zum Burgtheaterdichter gebracht
hat.
Medardus hat mit dem Bräutigam der
Prinzessin ein Duell ausgefochten und wurde
nah dem Herzen verwundet. Die Prinzessin sendet
ihre Kammerjungfer zu Medardus mit Blumen.
Da entwickelt sich zwischen ihm und der Botin
ein sonderbarer Dialog. Er: Bestellen Sie der
Prinzessin, daß ich ihr meinen Dank persönlich
zu Füßen legen werde! — Sie: Sie sind ja
toll! — Er: Ich will Ihrem gnädigen Fräulein
zum Dank die Hand küssen, und zwar noch
heute abend. — Sie: Sie phantasieren. Sie
haben Fieber ...
Er: Ich befinde mich
vortrefflich. In einer Stunde werde ich mich ein¬
finden. — Sie: Ja, bilden Sie sich denn ein,
daß man Sie empfangen wird?
Er: Ich