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0. Anfisen 111—
box 40/6

Erstes österreichisches be¬
hördlich konzessioniertes
Unternehmen
für Zeitungsausschnitte
WIEN, I.,
Wollzeile 11 : Telephon R 23-0-43
Ausschnitt aus
National-Zeitung, Base1
vom
7.1.1937
„Arische“ Dichter in Oesterreich
Dem deutsch=österreichischen Alpenverein kommt das
Verdienst zu, lange vor dem Ausbruch des Dritten
Reiches in seine Statuten einen sogenannten „Arier¬
Paragraphen“ ausgenommen zu haben. In einer Zeit,
da die Vertreter der ernst zu nehmenden Rassen¬
Wissenschaft noch ihrer Ueberzeugung Ausdruck geben
durften, daß der Begriff des „Ariers“ ein wissen¬
schaftlich unhaltbarer Begriff sei, bestanden die deutsch¬
österreichischen Bergsteiger trotzdem auf der Berech¬
tigung, sich als Arier zu fühlen und als Angehörige
einer rassenmäßig tausendfach gekreuzten Alpenbevöl¬
kerung die holde Illusion der eigenen Rassenreinheit
nähren zu dürfen.
Heute aber läßt diese Errungenschaft der Berg¬
O:
steiger gar manchen österreichischen Schriftsteller
nicht mehr schlafen; der Gedanke, daß in Oesterreich
Menschen zur Feder greifen könnten, die den neu¬
deutschen Rasse= und Zuchtvorschriften nicht genügen,
läßt sie nicht zur Ruhe kommen. Sie wollen nicht
schlechter gestellt sein als die Bergsteiger und haben
sich vom Christkind ausdrücklich die Einführung des
Arier=Paragraphen gewünscht. Es gibt nämlich bis¬
her in Oesterreich den offiziellen deutsch=österreichischen
Schriftsteller=Verband, der eine lose Organisation der
Schriftsteller ist und zum Leidwesen der auf Rasserein¬
heit haltenden Dichier keinen Arier=Paragraphen
führt.“
Aber das soll jetzt anders werden. Es existieren in
Oesterreich eine ganze Anzahl hoffnungsvoller Talente,
deren Ehrgeiz darin besteht, nicht nur gute und er¬
folgreiche Stücke zu
schreiben, sondern mit ihren
schriftstellerischen Erzeugnissen nebenbei auch noch
geistig die „Inn=Linie“ zu überwinden; das heißt:
wenn es im Dritten Reich eine Reglementierung der
Geister gibt, wenn dort das Blut den Vorrang vor¬
dem Geist hat, so will dieser Typus österreichischer
Schriftsteller nicht schlechter gestellt sein. Auch sie wün¬
ischen in den Bezirken des Geistes eine Rassenpolizei
therbei und der Gedanke, daß der Geist in Oesterreich
wehen könnte, wie er will, erscheint ihnen unerträg¬
lich. Und so fand denn in Wien zu Weihnachten im
„Deutschen Haus“ die Gründung des „Bundes der
Oesterreichs“
Schriftsteller
deutschen
statt, der eine „klubmäßige Zusammenfassung arischer
dessen Tätigkeit
Dichter und Schriftsteller sein
die Gründung der geplanten Schrifttumskammer
in Oesterreich vorbereiten helfen soll". Dieser
Schriftsteller ist eine
neue Klub österreichischer
auch in unserer kuriosen Gegenwart merkwür¬
dige Erscheinung; die deutschen Schriftsteller, die
man, ohne sie lange zu fragen, in den diversen
Rayons der Reichskulturkammer eingesperrt hat, kön¬
inen zu ihrer Entschuldigung anführen, daß sie sozu¬
sagen über Nacht durch die politischen Ereignisse über¬
wältigt worden sind, außerdem hängt über ihnen je¬
den Moment das Damoklesschwert des „Berufstodes“:
sund so hüllen sich denn gerade die besten unter ihnen
sin ein vielsagendes und allmählich beinahe hörbares
Schweigen. Hier aber, tun sich aus freien Stücken
deutschsprachige Schriftsteller zusammen, weil sie sich
von seiten eines Staates, der ihnen noch zu lax ist,
Zwangsmaßnahmen geradezu herbeisehnen: sie wollen
Zwangsmaßnahmen gegen ihre schreibenden Kollegen,
wenn es bei denen etwa mit der Großmutter nicht
stimmen sollte“ und sie können es gar nicht erwarten,
bis ihnen auch der österreichische Staat eine Kultur¬
kammer mit den dazu gehörigen Maulkörben beschert.
Den Vorsitz dieser kultur= und zeitgeschichtlich inter¬
essanten Vereinigung der rassereinen Dichter führt der
Tatholik Max Mell, der damit beweist, daß man
zwar zart hingehauchte Apostelspiele schreiben, aber
doch in geistigen Dingen robust wie ein Bergsteiger
denken kann. Im Vorstand finden wir die Namen
der Schriftsteller Wladimir v. Hartlieb, Hermann
Heinz Ortner, Franz Spunda, einen Dichter mit dem
germanischen Namen Mirko Jelusich, Max Stebich,
Hermann Grädener, Friedrich Schreyvogel (der Ueber¬
setzer der „Ersten Legion*) und Josef Weinheber. Der
Träger des österreichischen Staatspreises Josef Wen¬
ster wurde zum Vorsitzenden des Ehrenrates berufen.
einen Ehrenrat haben sie also auch schon. Ich stelle