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Miscellaneons
„DAS FORUM“
VI. Jahrg.
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Erinnerung an einen Toten scheinbar wehe
Kandidat für den Posten des Burgtheaterdirek¬
tun, so haben wir uns hiezu verpflichtet ge¬
tors bezeichnet!
fühlt, verpflichtet im Interesse eines Lebenden,
Sollen wir auch jemanden vorschlagen?
für den öffentlich vielleicht noch niemand ge¬
Sollen wir vielleicht Gelber vorschlagen? Nein,
sprechen hat, und dem, schon weil er lebt, sein
nein. Der Gedanke ist zu vernünftig, als dass
Recht werden soll. Wir meinen: Adolf
er Aussicht hätte, bei uns je verwirklicht wer¬
Gelber.
den zu können.
Wer ist Adolf Gelber? Ein hervor¬
ragender Redakteur des „Neuen Wiener Tag¬
Das Strafverfahren*).
blattes“, der in der Wintersaison, von verschie¬
Die Hauptverhandlung.
denen Vereinen eingeladen, Vorträge hält über
„Zeit ist Geld“ — unter diesem Schlagworte wer¬
dies und jenes. Nähere Bekannte nennen ihn
den die Hauptverhandlungen auf eine überaus knapp
schen den Shakespeare-Gelber. Wir aber, die
berechnete Zeitdauer ausgeschrieben. Es ist geradezu
wir Gelber genauer zu kennen glauben, wir
merkwürdig, dass für die Zwecke der Untersuchung
wissen, dass er der bedeutendste und hervor¬
keine Zeit gespart wird. Mit einer bewunderungswür¬
ragendste Dramaturg und Regisseur ist, den
digen Leichtigkeit erwirkt der Staatsanwalt immer den
wir besitzen, den grossen Reinhardt nicht aus¬
dritten Monat der Kollusionshaft des Verdächtigen, bei
genommen. Sehr oft las Gelber dem Schreiber
Erledigung von Enthaftungsgesuchen ’mit Kautionserlag
dieser Zeilen seine interessantesten Werke im
verstreichen oft viele Tage, aber kaum dass es dazu
statu nascendi vor; so auch damals, als er an
kommt, die Hauptverhandlung anzuberaumen, in der ja
„Troilus und Cressida“ arbeitete. Es war die
der Schwerpunkt des ganzen Strafprozesses ruhl, die
Stelle vom Bacchanal. Eine nach vielen Hun¬
das richtige Terrain für die volle dramatische Entwick¬
derten zählende Menge hätte die Gassen Trojas
lung ist, da ist „Zeit“ auf einmal „Geld“ und wird für
durchziehen sollen zur Demonstrierung der
diesen obersten Zweck so kurz zugemessen, dass jeder,
unbekümmerten Stimmung der Trojaner trotz
der daran teilnimmt, fast den Atem verliert. Viel trägt
der griechischen Belagerung. Die, wie gesagt,
dazu bei der Umstand, dass, wegen der leidigen Furcht
nach Hunderten zählende Menge durchzog aber
vor der Untersuchungshaft, die Beweismittel (namentlich
die Stadt, anakreontische Lieder singend, tan¬
Zeugen) erst für die Hauptverhandlung aufgespart wer¬
zend, lachend, springend und jauchzend, bloss
den. So kommt es, dass, während das Präsidium die
im Regiebuche. Denn als Schlenther das
Zeit für die Verhandlung nach dem Massstabe von bei¬
Stück im Burgtheater aufführen liess, da kam
von der Treppe, die von der Stadtmauer auf
spielsweise 10 zu vernehmenden Zeugen bestimmt, sehr
einen offenen Platz führte, eine Menschenmenge
häufig deren 16 oder mehr einzuvernehmen sind. Auch
hinab, von — acht bis zehn Personen, Männlein
die in den Gerichten eingebürgerte Vorliebe zum „Zah¬
und Weiblein zusammen. So wurde die von
lenstreichen“ trägt nicht wenig zu dieser schädlichen
Eile bei. Die im Verhältnisse zur Zahl der Angelegen¬
Gelber angegebene Massenszene im Jahre 1900
im Burgtheater ausgeführt! Heute wird Rein¬
heiten viel zu geringe Zahl der Arbeitskräfte ruft eine
hardt bejubelt.
Ueberhastung hervor, die dem Zwecke der gründlichen
Erschöpfung des Prozessstoffes bei der Verhandlung im
Als Gelber mit „Lear“ beschäftigt war, da
Wege steht. Eine Vermehrung des Richterpersonals hinkt
teilte er uns in einem Gespräche seine An¬
immer der Vermehrung der Agenden um einige Jahre
schauung über dieses Drama mit, nämlich dass
nach, so dass das Gleichgewicht nie hergestellt wird.
„Lear“ nicht bloss die Tragödie von der Un¬
Deshalb bietet eine Hauptverhandlung für den Kenner
dankbarkeit der Kinder sei, sondern auch das
ein sehr trauriges Bild dar, wie da materielle Wahr¬
Drama des Königs von Gottes Gnaden, was er
heit erforscht und Gerechtigkeit ausgemessen wird, wenn
auch auf das Glänzendste bewies. Einige Jahre
es auf Kosten der vitalsten Interessen unseres so oft ge¬
später erlebten wir noch im alten Saale der
nannten „Nächsten“ geht, den wir bekanntlich so
„Urania“ in der Wollzeile folgende Szene:
„lieben sollen wie uns selbst“ O, über die Jahrtausende
Baron Berger, damals noch Direktor des Stadt¬
lange Heuchelei, die das altbewährte „homo homini
theaters in Hamburg sprach über Shakespeare.
lupus“ der Römer zu beseitigen noch immer nicht im
Er sagte unter anderem: „Und, meine Herr¬
stande war!
schaften, Lear ist nicht bloss das Drama von
Die Hauptverhandlung! Schonzihr Name erschöpft
der Undankbarkeit der Kinder, sondern auch“
ihre Wesenheit. Die in der Tat überbürdeten Räte
um Getteswillen, er wird doch jetzt nicht
kommen — wenn sie nicht eiserne Votanten sind — mit
sagen: „des Königs von Gottes Gnaden“.., und
Aktenstössen zur Verhandlung, um sich während ihrer
Baren Berger schloss — „vom König von Gottes
für andere vorzubereiten. Ausser dem Vorsitzender ist.
Gnaden“ Es muss unbedingt der Gleichheit
meist jeder Volant mit einer „Privatlektüre“ versehen.
der Gedanken beider Männer zugeschrieben
Hie und da, meist vor Geschworenen, wird das Dekorum
werden, dass Baron Berger Gelber nicht
noch gewahrt, und dann werden keine Akten gelesen.
zitierte, sowie er es auch damals nicht tat, als
Die Verhandlung beginnt und steht gleich beim Be¬
sein Feuilleton über Shylock in der „Neuen
ginne im Zeichen der Eile und des Zeitmangels, als ob
Freien Presse“ erschien, das kongruent der
wir nicht eine ganze Ewigkeit vor uns hätten, die uns
Gelberschen Anschauung über Shylock war.
ja gestattet, mit allen Angelegenheiten dieses Lebens
Das ist Oesterreich. Friedrich Beck, der
denn doch fertig zu werden. Gleich bei der ersten An¬
sich nicht allzu weit von Goethes Lyrik be¬
sprache des Angeklagten merkt man, dass uns, bei
findet, ist unbekannt, und der Wortbeherrscher
aller Abundanz der Güter dieser Erde, an nichts so
Hofmannsthal wird bejubelt. Ernst Mach und
sehr mangelt, als an — Zeit. Der Angeklagte wird
Josef Popper schreiben für einen kleinen Kreis,
*) Siehe Nr. 6 des „Forum“.
Hermann Bahr aber wird als ein „natürlicher“