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11. Miscella,ous
— Meur
Terk, Paris, Rom, San Francisco, Stockholm, St. Peters¬
burg, Toronto.
(Quellenangabe ohne Gewähr.)
Ausschnitt aus: Niues Wiener Journal, Wus
160(71912
vom:
Schauspieler und Dichter.
Artur Schnitzler an Adolf Sonenthal.
Wir haben gestern aus dem in literarischer Hinsicht so viel¬
fach bedeutsamen Briefwechsel Sonnenthals den charakteristischen
Brief veröffentlicht, den der Meister nach der Lektüre des
„Anatol“ Artur Schnitzler geschrieben hatte. Mit dem ganzen,
ehrlichen, aus der Tiefe der Seele quellenden Pathos, das ihm
als Darsteller und Menschen eigen war, entrüstete sich Sonnenthal
über die Schöpfung Schnitzlers und er hat nicht unrecht, wenn er
selbst seine Zuschrift als eine harte Epistel bezeichnet. Wir haben
schon gesteru gesagt, daß das Antwortschreiben Schnitzlers auf die
heftige Abkanzelung, die ihm Sonnenthal hatte zuteil werden lassen,
nicht minder charakteristisch für das Wesen des Schriftstellers sei,
als jene für das des Mimen. Wir reproduzieren heute im
Nachfolgenden dieses Antwortschreiben, in welchem Schnitzler sich
mit der ganzen Anmut seines literarischen Charakters und seiner
Eigenart als Mensch gegen Sonnenthals Vorwürfe verteidigt.
Der Brief lautet (er ist drei Tage später datiert, als der
Sonnenthals):
Wien, 19. Dezember 1892.
Verehrter Herr von Sonnenthal!
Wie unendlich werthvoll mir jedes Wort von einem Manne
ist, der mir, seit ich überhaupt für Kunst zu empfinden vermag,
als einer der größten und tiefsten Künstler erschienen ist — brauche
ich Ihnen das noch zu sagen? Und so nehme ich Ihr Lob mit
stolzem und innigem Dank entgegen und will Ihren Tadel mit
Ernst erwägen.
Was ich schon heute sagen darf, ist, daß ich in manchen prin¬
zipiellen Fragen weniger weit von Ihnen, hochverehrter Herr, ent¬
fernt bin, als Sie nach dem Buch, das Ihnen soviel Unmut er¬
regt hat, anzunehmen scheinen; doch will ich Sie hier mit meinen
theoretischen Anschanungen nicht ermüden. Ich bitte Sie jedoch,
mir zu glauben, daß jenes Buch (es mag ein mißlungenes, viel¬
leicht ein widerwärtiges sein) ganz bestimmt ein ehrliches Buch
ist, in welchem keine Zeile steht, die irgendeiner Tendenz oder
irgendeiner „Richtung“ zuliebe anders niedergeschrieben als
empfunden und entworfen wurde. Ich möchte nicht Anatol sein —
aber ich kann durchaus nicht bedauern, einige Plaudereien geschrieben
zu haben, in welchem dieser Herr vorkommt. Wenn die Grenzen
meines Wesens mit den inneren Erlebnissen und Resultaten jenes
Buches umschrieben wären, so täte mir das selber leid, aber ich
hoffe, den Beweis weiterer Grenzen erbringen zu können, und
werde sehr glücklich sein, wenn dann Sie selbst, hochverehrter
Herr, diesen Beweis nicht für fehlgeschlagen betrachten sollten.
Ich will gleich hier die herzlichsten Glückwünsche anläßlich
Ihres Geburtsfestes beifügen. Sie, verehrtester Herr, gehören zu
jenen Menschen, an die sich meine höchsten und unvergeßlichsten
künstlerischen Erinnerungen knüpfen; und es ist sehr erfreulich,
dafür einmal aus tiefster Seele danken zu dürfen. Dieser Be¬
wunderung für den unvergleichlichen Künstler gesellt sich bei mir
noch die ehrfurchtsvolle Sympathie für den besten und liebens¬
würdigsten Menschen bei, deren Ausdruck gütigst entgegenzunehmen
ich mittels dieser Zeilen bitten möchte.
In dankbarer und bewundernder Hochschätzung
Ihr sehr ergebener
Dr. Artur Schnitzler.“