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1eflaneons
Zur Naturgeschichte des Junggesellen.
Von Felix Poppenberg.*)
„Ich glaube wir Junggesellen stammen nicht von Adam
und Eva. Adam wird wohl einen weitläufigen Vetter gehabt
haben... ledig, ein pensionierter alter Herr, den Kain und Abel
Onkel nannten, von dem stammen wir ab.“
Von einem Lebenskünstler kommt das Wort, von
Alexander von Villers, der nach buntem Leben als Legationsrat
4. D. bei Wien in seinem kleinen Landgehäus zwischen Natur,
Büchern und Papier ein beschauliches Dasein pflegte, Briefe
voller Nachdenklichkeiten und Humore schrieb und wie ein fein
sorgender Gärtner die stillen Freuden seiner Einsamkeit hegte.
Diese Persönlichkeit soll mit ihrem spielenden Wort zu¬
nächst nur die Atmosphäre angeben, in der unser kleines natur¬
geschichtliches Kapitel vom Junggesellen sich bewegen wird....
Vom Junggesellen, so möchten wir diesen Traktat lieber über¬
schreiben. Dann bekommt er das helle genießerische Gesicht, das
wir hier brauchen.
Denn keineswegs wird hier vom mürrisch=weiberscheuen
Hagestolz gesprochen werden, den man sich etwa in der essig¬
sauren Maske des Böcklinschen Kritikerkopfes vorzustellen hat,
nicht von enterbten, vertrockneten Halbnaturen, die auf der
Strecke liegen bleiben, weil sie aus der Oede ihres Herzens her¬
aus nicht Liebe geben und nicht Liebe erwerben konnten, und
fröstelnd, schlürfend im Leeren sich verlieren.
Ein großer Denker und ein großer Dichter trugen in ihrer
Menschlichkeit dies Schicksal: Arthur Schopenhauer und
Franz Grillparzer.
Schopenhauer, der, in seine eigenen Gehirnzellen ver¬
bissen, verbittert und verachtend sich selbst mit Menschenhaß ver¬
giftete, so daß, wie Herbert Eulenberg in seinem helldunkeln
Porträt von ihm sagt, sein Greisenantlitz das entsetzlichste ist,
das wir kennen. (Bismarck, der doch Mut für sieben hatte, er¬
trug den Anblick dieses Mannes schwer und saß als Gesandter
beim Deutschen Bunde zu Frankfurt ungern im „Schwan“, wenn
jener steinerne Gast erschien.) — Und Grillparzer, der sein Ge¬
In den nächsten Tagen erscheint im Verlage von Erich
*)
Reiß, Berlin, ein neues Buch „Maskenzüge“ von Felix
Poppenberg. Wir sind in der Lage, unsern Lesern schon
heute eine der geistvollen literarischen Plaudereien des bekannten
Essayisten vorzulegen.
0rrer /1. 5#/70 Die Red.
Z
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fühl an die Geschöpfe seiner Einbildungskraft ausgab und aus¬
schaftliche Sympathie miteinan
gedörrt, leer, alt und kalt übrigblieb. Seine schlimme Laune und
sein Tagebuch: „Das größte
sein galliges Gemüt lud er bei seiner „ewigen Braut", Hathi
ich nicht allein blieb, weil ich
Fröhlich, ab; zur Einsamkeit verdammt, konnte er dennoch nicht
Das ist für sensible N#
allein bleiben, so hockte und verspann er sich in seine Mißmuts¬
passen zu den Täglichkeiten der
hecke bei den Schwestern mit dem heiteren Namen ein, zum Zerr¬
Schwellenkommunismus von fr
bild menschlicher Gemeinschaft.
Ein reizbarer ästhetischer
Von solchen Naturen sei hier nicht geredet, im Gegenteil,
die andern grade für die Negli
diesen Misogynen steht unser Junggeselle gegenüber, der nicht
mungen und Oedigkeitsmomente
deswegen die Ehe mied, weil er die Frauen nicht liebte, sondern
liche Gefährtin brauchen, Aus
vielleicht eher, weil er sie zu sehr liebte und an sich das Organ
liches Tragen, so scheuen diese
der Treue und der stillen Beständigkeit vermißte.
Ihre Gemeinsamkeiten wünsche
sie wollen nur ihre besten Sti
Wer besser von beiden, wer weiß es? Am Ausgang von
Gram, die Melancholie über
Hofmannsthals Komödie „Christinas Heimreise“ schaut Casa¬
zurück.
nova, der Abenteurer, in ein ruhevolles Hausglück hinein, das
21 hätte haben können, und ein Schatten der Melancholie, etwas
Sie treiben eine Art Hoch
ziehungen und erhalten sie das
von jener Stimmung: ich bin nur durch die Welt gerannt, fällt
egoistischer Wurzel stammend, äu
über den Fremdling, den Unbehausten. Doch er schüttelt's ab,
aus als Rücksicht, Rücksicht auf
die Pferde ziehen an, und in die Welt, zum Divin imprévu,
trägt es ihn weiter.
fassung und auf die der andern.
Ausgeprägte Selbständigke
Der Erotiker kann kaum ein guter und zuverlässiger Le¬
äußeren Dingen. Nicht die Hilf
bensgemeinschaftler sein. Und hat er die Erkenntnis seiner Art,
von der teuern Gattin zum Schn
ist er zudem noch ein Wissender um die Unsicherheit aller Lebens¬
koffer gepackt wird.
beziehungen — Schnitzler hat dies oft geschildert — und kennt
Der Klasse von Menschen,
er das Gesetz der Umwandlung, das Ibsen in ganzerSchonungs¬
solche Dienste nur fatal. Sie, fi
losigkeit aufgestellt, dann handelt er-wohl ethischer, wenn er nicht
läßt, dadurch hörig wird. Und d
heiratet und das Gebot Schleiermachers, des Predigers an der
druck. Sie lieben fanatisch die
Dreifaltigkeitskirche, erfüllt: „Du sollst keineEhe schließen, die ge¬
wortlichkeit, die Beweglichkeit
brochen werden müßte. Er wird dann in den Erregungen der
heraus, ohne Rechenschaft ableg
Liebe leben, Glück empfangen und Glück geben, leiden und leiden
machen, im Aufschwung und im Decrescendo müde werden und
Frauen, die lieben, fragen
wieder leuchtend jung, bis seine Stunde schlägt, le quart d’heure
in einem jetzt gespielten englische
de Rabelais; und wenn seine menschliche Qualität gut, so hat
du wieder?“, sie fragen auch:
er nach dem Tanz genügende Reserven der Betrachtsamkeit in
hin, und sie fragen vor allem:
sich gespeichert, daß er das Alter trägt ohne Horror vacui.
läßt du jenes, und sie fügen fe
Und der Erotiker wird dann vielleicht Bibliophile und Sammler,
aber doch damals ....“, und d
ein ästhetischer Eremit, wie der Abbé Galiani, wie Heinse, wie
digen halten sie bitter entgegen:
Stendhal, die in der geisterfüllten Stille ihrer Bücherei spazieren
dürfen... und dann setzen sich
gehen wie in einem Garten der Erkenntnis und, aller Möglich¬
übel
keiten voll, Abenteuer der Seele erleben.
Ich verstehe die gequälte U
Der Fürst Pückler, der Typus des Junggesellen, trotz¬
und sie tut mir leid, daß sie, wäh
dem er verheiratet war — er ließ sich im gegenseitigen Einver¬
mert, jedes seiner Augenblicke tei
nehmen von seiner Frau scheiden, und sie pflegten eine freund= 1 nur verliert.